Mein neuestes Buch ist jetzt mit 204 Seiten beim Verlag zum Preis von 8,90 Euro (portofrei) bestellbar und kann im Buchhandel unter der ISBN-13: 9783756211838 bestellt werden. Ebenso ist es bei vielen Online-Händlern bestellbar, z.B. Thalia, ebook.de, buch24.de. Amazon. Jetzt auch als E-Book für 5,99 Euro.

Eine aktuelle Sammlung der mehr als 170 Grafiken aus meinem Buch in größerem Format und farbig finden Sie hier: hier.




Die letzten Blog-Einträge


(092) Warum die Inflation auf weit über 10 % gegenüber Vorjahr steigen wird

(091) Im Zeitalter dramatischer Umbrüche

(090) Warum hat die SPD immer noch Illusionen beim Tourismus aus Rußland?

(089) Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) enttarnt Lindners Lügen

(088) Wer rettet uns vor Lindner?





Blog-Zuschriften bestellen

Blog 16 08-09-22: Warum die Inflation auf weit über 10 % gegenüber Vorjahr steigen wird


Zuletzt lag die Inflation für Juli bei 7,5 % gegenüber Vorjahr - ein Rekord seit Beginn der deutschen Messungen vor 60 Jahren. Wenn nun Ende August die 9-Euro-Tickets und der Tankrabatt auslaufen, könnte schon das die Inflationsrate über die 10 % heben. Doch nun kommt auch noch die Gasumlage zur Unterstützung systemrelevanter Importeure, die von Verbrauchern bezahlt werden muß, hinzu. Sie wurde gerade auf 2,419 Cent pro Kilowattstunde festgelegt. Für einen vierköpfigen Durchschnittshaushalt ergibt sich dadurch eine Zusatzbelastung von etwa 480 Euro im Jahr und mit der Mehrwertsteuer knapp 580 Euro; die von Lindner von der EU erbetene Ausnahme wurde abgelehnt, was er hat wissen können (doch vielleicht wollte er nur von seiner eigenen Hartherzigkeit ablenken und nun auf die EU schimpfen!). Laut Berechnungen von Wirtschaftsforschern des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung könnte allein die Umlage die Inflation von derzeit 7,5 Prozent auf rund zehn Prozent anheben. Nimmt man alles zusammen, so wird die Inflationsrate bei weit mehr als 10 % liegen (Abb. 23492).

Und die besonders ärmere Bevölkerungskreise treffenden Inflationsraten für Nahrungsmittel und Wohnen liegen schon jetzt bei 14 bzw. 11 %. Für diese Menschen wird die Situation unerträglich werden. Doch Lindner und seine FDP verweigern ihnen einen Ausgleich und schließen sie mangels Arbeitseinkommen und Lohnsteuer sogar von dem Plan für eine allgemeine Steuersenkung aus, so wie sie schon die Rentner von dem 300 EUR Energie-Bonus ausgeschlossen hatten. Wollen die wirklich eine Antwort von der Straße herausfordern?

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 91 15-08-28: Im Zeitalter dramatischer Umbrüche






Unsere Welt ist schon über die letzten Jahrzehnte erheblich ungemütlicher geworden. Das gilt nicht nur für den schrecklichen Krieg in der Ukraine, mitten in Europa, und damit verbunden für den Abschied von der als sicher geglaubten Gasversorgung aus Rußland.

Langfristig noch weit gefährlicher und ein riesiger Umbruch ist die Klima-Entwicklung, die sich jetzt auch in Deutschland mit Hitzeperioden und Übersterblichkeit in den Sommermonaten (Abb. 23491), Trockenheit und Waldbränden selbst einfachen Gemütern erschließt. Bisher ist in diesem Jahr in Europa schon Wald in der zweieinhalbfachen Größe des Saarlandes verbrannt, obwohl wir uns erst in der Mitte der jährlichen Waldbrandperiode befinden. Sehr vielen Menschen scheint noch immer nicht bewußt zu sein, in welch einer klimatisch friedlichen, außergewöhnlich menschenfreundlichen Zeit die menschliche Zivilisation entstanden ist und daß sie - verursacht durch uns - gerade endet. Noch immer leben wir auf einer "Kühlhaus-Erde" mit gefrorenen Polkappen. Das andere Ende des Spektrums ist eine "Treibhaus-Welt", ohne Eis, wärmer und natürlich viel nasser. Die Erde schwankt, normalerweise sehr langsam, zwischen diesen beiden dann jeweils relativ stabilen Extremen. Schon längst in Sicht ist ein stets Teile des Jahres eisfreier Nordpol, und auch das antarktische Meereis schmilzt schneller als erwartet. In einer dramatisch veränderlichen Umwelt ist Mobilität entscheidend für das Überleben, und irgendwo auf dem Kontinent wird es immer eine Zuflucht geben. Wir haben die Welt in einen Zustand der ständigen Instabilität und damit gewaltiger Fluchtbewegungen versetzt. Auch das ist ein dramatischer Umbruch.

Die demographische Entwicklung mit der enormen Alterung unserer Gesellschaft und der davon ausgehenden Belastung unserer Sicherungssysteme für das Alter bereitet uns einen weiteren tiefen Umbruch, der unseren Gesellschaftsvertrag fundamental infrage stellt. Die anhaltende Pandemie zeigt uns, wie gefährdet unser Gesundheitssystem ist - auch das ein tiefer Umbruch. In der Wirtschaft erleben wir mit zuletzt 7,5 % die höchste Inflationsrate seit Beginn der deutschen Messungen vor 60 Jahren (Abb. 23483). Bei den davon ausgehenden tiefen sozialen Verwerfungen (und der Ohnmacht der EZB im Kampf gegen die Inflation) ist der Begriff "Umbruch" wahrscheinlich noch zu harmlos.

Im Außenpolitischen erleben wir zum ersten Mal ein Zusammengehen der beiden autoritären Systeme von Rußland und China. Dabei wird ein chinesischer Militärschlag gegen Taiwan wahrscheinlicher und damit auch ein Krieg zwischen den USA und China. Das ist umso mehr ein gewaltiger Umbruch für Deutschland, als ein Abnabeln von der bereits entstandenen enormen wirtschaftlichen Abhängigkeit von China nur mit langem Zeitverzug und unter Inkaufnahme hoher Belastungen möglich ist. China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner. Fast die Hälfte aller Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes sind einer Befragung des Ifo-Instituts zufolge auf Vorleistungen aus China angewiesen (Abb.). Das Auswärtige Amt schreibt bereits an der von der Ampel-Koalition versprochenen neuen China-Strategie, die Anfang 2023 vorgestellt werden soll. Die Autoren sind nach Medienberichten davon überzeugt, daß Russland und China eine gemeinsame antiwestliche Politik verfolgen.

Die Weltordnung ist im Umbruch, ein Abgleiten ins Chaos möglich - so reflektiert zurecht kürzlich ein Kommentator im SPIEGEL.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 90 14-08-22: Warum hat die SPD immer noch Illusionen beim Tourismus aus Rußland?

Die SPD hat ein besonderes Problem mit Rußland, nicht nur ihr ehemaliger Chef Schröder. Das zeigt sich jetzt wieder bei der Frage, ob es weiter Touristenvisa für Russen, die in die EU reisen wollen, geben soll. Vor allem die Oligarchen haben wertvolle Feriensitze in der EU. Aber auch die meisten Russen unterstützen nach Umfragen Putins mörderischen Krieg gegen die Ukraine. Gleichzeitig reisen viele gern als Touristen in die EU, auch nach Deutschland.

Direkte Flugreisen von Rußland in die EU sind bereits verboten. Doch können Russen weiter über die Türkei in die EU fliegen oder aus den direkten Nachbarländern, nämlich Estland, Lettland und Finnland, auf dem Landweg in die EU einreisen. Die Forderung nach Reisebeschränkungen für Russen kommt vor allem aus diesen Ländern. Die stellen zwar kaum noch Schengen-Visa für Russen aus, müssen aber die Schengen-Visa akzeptieren, die Deutschland und andere EU-Länder für russische Touristen ausgestellt haben. Die estnische Ministerpräsidentin Kaja Kallas verweist auf die heftigen Reaktionen in Moskau auf die Visa-Diskussion. Dies zeige, daß ein Einreiseverbot ein wirksames Sanktionsinstrument sein könne. Für Russen, die wirklich Schutz in der EU brauchen, gebe es dagegen erprobte juristische Mechanismen wie Asyl. Jetzt plant auch Polen, die Regeln bei der Visavergabe für russische Staatsbürger zu verschärfen. Vizeaußenminister Piotr Wawrzyk sagte: "Polen arbeitet an der Entwicklung eines Konzepts, das es ermöglicht, keine Visa für Russen zu erteilen. Polen ist dafür, daß die EU wegen des weitere Sanktionen gegen Russland verhänge. Dazu zählt auch die Aussetzung des Vertrags über die erleichterte Visavergabe für russische Staatsbürger."

Auch die ukrainische Regierung hält es für unerträglich, daß sich Russen ein schönes Urlaubsleben in der EU einrichten können, während russisches Militär einen grausamen Krieg in der Ukraine führt.

Doch Deutschland und auch die EU-Kommission lehnen einen grundsätzlichen Stopp von Touristenvisa für Russinnen und Russen ab. Dazu der Obmann der SPD im Auswärtigen Ausschuss, Nils Schmid: "Man sollte die russische Gesellschaft nicht unter Generalverdacht stellen. Eine pauschale Visaverweigerung für russische Staatsangehörige ist weder zu rechtfertigen noch in unserem langfristigen strategischen Interesse, da ein politischer Wandel in Russland letztendlich von der dortigen Zivilgesellschaft mitgetragen werden muß". Was für Illusionen! Oder hat Scholz Mitleid mit Rußland? Wollen wir wirklich russische Touristen bei uns haben, die mindestens zum Teil den mörderischen Krieg in der Ukraine unterstützen? Statt Solidarität mit der überfallenen Ukraine zu zeigen?

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 89 13-08-22: Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) enttarnt Lindners Lügen




Lindners Rechtfertigungen für die unsoziale Form der von ihm angestrebten Steuerpläne zum Inflationsausgleich sind voller Lügen und Ungerechtigkeiten. Die Pläne sind umso unsozialer, als die Inflation besonders hoch auf Nahrungsmittel und Wohnen mit 14,0 bzw. 10.8 % entfällt (Abb. 23489) und besonders ärmere Bevölkerungskreise hier das meiste ihres Einkommens ausgeben müssen. Jetzt widerlegt Prof. Marcel Fratzscher, der Präsident des DIW, die Lügen in den Steuerplänen.

Lüge 1: Fast alle, nämlich 48 Millionen Menschen in Deutschland profitieren.

Doch das heißt im Umkehrschluß, daß etwa 35 Millionen Menschen von der Entlastung nichts haben werden - dies sind zum größten Teil Menschen mit geringen Einkommen.

Lüge 2: Es sei ein Gebot von Gerechtigkeit und Solidarität, nun die starken Schultern derer, die die Einkommensteuer zahlen, zu entlasten.

Doch Menschen mit wenig Einkommen zahlen sehr wohl und sogar einen recht hohen Anteil ihres monatlichen Einkommens als Steuern an den Staat. Denn 40 Prozent der gesamten Steuereinnahmen des Staates sind sogenannte indirekte Steuern, allen voran die Mehrwertsteuer, die jeder und jede bei jedem Einkauf im Supermarkt oder im Café entrichten muss. Wenn der Staat nicht Gewinner der Inflation sein soll, wieso gibt er die steuerlichen Mehreinnahmen dieser indirekten Steuern nicht auch jetzt an die Menschen zurück? Dies wäre konsequent. Mehr noch, eine Entlastung bei den indirekten Steuern würde Menschen mit geringen Einkommen proportional zu ihren Einkommen deutlich stärker helfen als Menschen mit hohen Einkommen.

Lüge 3: Auch Menschen mit geringen Einkommen würden durch Einmalzahlungen und temporäre Entlastungen wie dem Tankrabatt bessergestellt.

Doch dies ist eine Mogelpackung, vor allem, weil die temporären Entlastungen eben nur für drei Monate gelten und dann die Menschen wieder die permanent höheren Kosten stemmen müssen.

Lüge 4: Spitzenverdiener profitierten kaum von den Plänen, da der Schwellenwert für den Spitzensteuersatz nicht erhöht werden soll.

Doch auch dies ist so nicht richtig, denn Spitzenverdiener zahlen ja den Spitzensteuersatz nicht auf ihr gesamtes Einkommen, sondern nur auf das Einkommen über dem relevanten Schwellenwert. Konkret bedeutet der Plan des Finanzministers eine Entlastung der Spitzenverdiener von 958 Euro für Paare mit einem Jahreseinkommen von 130.000 Euro. Ein Paar mit einem Einkommen von 40.000 Euro erhält lediglich 230 Euro und viele darunter gar nichts.

Lüge 5: Arbeit und Anstrengung, die zu Einkommenssteigerungen führen, sollten steuerlich nicht zusätzlich belastet werden, wenn diese lediglich die Inflation ausgleichen.

Doch die steuerliche Entlastung entsteht nicht nur für Menschen mit Gehaltssteigerungen, sondern auch für die, die keinen einzigen Euro mehr verdienen, aber entsprechend hohe Einkommen haben.

Lüge 6: Höhere Einkommen bedeuten mehr Leistung und daher sollten Menschen mit höheren Einkommen auch stärker steuerlich entlastet werden.

Lindner vergißt die Lehren der Pandemie, daß nämlich gerade Menschen in systemrelevanten Berufen meist wenig verdienen, aber eine weit überdurchschnittliche Leistung für die Gesellschaft erbringen. Die Rechtfertigung der Steuerentlastung jetzt ist also ein Schlag ins Gesicht all derer, die viel Leistung erbringen - im Gesundheitssystem, in der Pflege oder im Bildungsbereich - und dafür finanziell nur mäßig entlohnt werden.

Lüge 7: Alternativen zum Inflationsausgleich kommen nicht infrage.

Doch es gibt sie. So schlägt beispielweise die Diakonie auf Grundlage von Berechnungen des DIW Berlin eine Erhöhung der Sozialleistungen der Empfänger von SGB II und SGB XII um 100 Euro pro Person und pro Monat vor. Dieses Geld würde ausreichen, um für die meisten Menschen mit wenig Einkommen zumindest die größten Härten abzufedern. Kosten würde dies 5,4 Milliarden Euro. Das ist nicht wenig Geld, aber wenig mehr als die Hälfte der knapp zehn Milliarden Euro des sogenannten Inflationsausgleichsgesetzes.

Ergebnis: Mit seinen Verdrehungen und Lügen heizt Lindner den zunehmenden Verteilungskampf in Deutschland böswillig weiter an. Die paar Prozent für die FDP, die er damit erreicht, sind in keinem Verhältnis zu dem gesellschaftspolitischen Schaden. Nach einer neuen Umfrage machen sich immerhin 90 % der Bevölkerung wegen der sozialen Ungleichheit Sorgen (Abb. 23424) und eine Mehrheit von 58 % ist nach dem neuesten Politbarometer der Meinung, daß die Bundesregierung zu wenig an Entlastung gegen die Inflation tut (Abb.)..

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 88 11-08-22: Wer rettet uns vor Lindner?



Der Bundesfinanzminister ist mit seinen Steuerplänen mit Vorrang für die Besserverdienenden, die sehr oft - meist aus purem Egoismus - FDP-Wähler sind, zu einem Asozialen verkommen, zu einem Menschen mit hohem politischem Amt, der die Sozialstaatsklausel unserer Verfassung verdrängt hat. Eine Minipartei, die nach Emnid bei nahe 5 % liegt, bläst sich auf, um über das Schicksal der 95 % zu entscheiden. Nach diesen Plänen wird der Entlastungseffekt auf die hohen Einkommen konzentriert (Abb. 23490). Von den zehn Milliarden Gesamtentlastung würden 90 Prozent auf die oberen 30 Prozent bei den Einkommen entfallen; die unteren 70 Prozent erhalten demnach kaum etwas.

Diese Pläne kommen auch nach Einschätzung der Wirtschaftsweisen Veronika Grimm jetzt zum falschen Zeitpunkt: "Eine Reform, bei der nominal die Besserverdienenden mehr gewinnen, kommt einfach zum falschen Zeitpunkt. Einerseits macht es Sinn, die Mitte der Gesellschaft angesichts der hohen Inflation zu entlasten. Andererseits brauchen wir zurzeit eine Entlastung vorwiegend der unteren und mittleren Einkommen, die die Härten durch die Preissteigerungen nicht allein tragen können. Man sollte versuchen, zielgerichtet untere und mittlere Einkommensgruppen zu entlasten, bis in die Mitte der Gesellschaft. Entlastungen mit der Gießkanne, wie etwa beim Tankrabatt oder einer Mehrwertsteuersenkung, sind nicht angezeigt."

Und doch schwafelt Scholz im Sommerinterview wieder: "Deutschland hat alle Chancen, gut durch diese Zeit zu kommen. Man wird alles dafür tun, daß die Bürgerinnen und Bürger durch diese schwierige Zeit kommen. Ich rechne trotz der wirtschaftlichen Verwerfungen durch Russlands Krieg gegen die Ukraine nicht mit sozialen Spannungen. Ich glaube nicht, daß es in diesem Land zu Unruhen kommen wird. Der Sozialstaat muß zeigen, dass er niemanden allein lassen wird." Na, dann zeig mal schön, wie das geht. Bisher wird nichts getan, jedenfalls nicht für die sozial Benachteiligten. Denn immer setzt sich die FDP durch, oder macht Scholz gar gemeinsame Sache? (immerhin hat er schon H4 geschaffen!). Jedenfalls bezeichnete Scholz Lindners Vorschlag bereits als "sehr hilfreich".

Und so sind SPD und FDP seit der Bundestagswahl in den Wahlumfragen tief eingebrochen (Abb.), die FDP nach Emnid sogar auf nur noch 6 %.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 87 11-08-22: Die schlimmsten Inflationsraten sind bei den beiden wichtigsten Gruppen: Nahrungsmittel und Wohnen


Nach der heutigen Mitteilung des Statistischen Bundesamts für Juli 2022 konzentrierte sich die Inflation besonders auf Nahrungsmittel und Wohnen mit 14,0 bzw. 10.8 % (Abb. 23489). Besonders ärmere Bevölkerungskreise müssen hier das meiste ihres Einkommens ausgeben. Verkehr kam Dank des 9-Euro-Tickets auf nur 5,4 %, doch läuft dieses nun im August ersatzlos aus, da sich die FDP gegen eine Verlängerung entschieden hat.

Bisher tut die Bundesregierung nichts, um für einen wirkungsvollen Ausgleich zu sorgen. Die FDP mit Lindner will stattdessen eine Senkung der Einkommenssteuer, von der die oberen Einkommensgruppen am meisten profitieren würden und die untersten gar nicht. So wird das Versprechen von Scholz "Wir lassen niemand alleine" zu einer nackten Lüge. Merkt er das gar nicht oder lügt auch er? So sammelt sich immer mehr Sprengstoff für einen Wut-Winter an.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 86 10-08-22: Die EZB gerät auf die schiefe Bahn, wenn sie Ländern wie Italien bevorzugt mit Anleihekäufen hilft




Italien ist das bei weitem am meisten verschuldete Land der Eurozone. Seit 2000 verdoppelte sich der Euro-Wert, in den letzten vier Jahren stieg er besonders schnell (Abb. 20267). Die EZB hat das durch massiven und einseitigen Kauf italienischer Staatsanleihen entscheidend unterstützt. Allein im Rahmen des 2010 gestarteten Securities Markets Programme hat sie für 3,2 Mrd. EUR italienische Staatsanleihen in die Bücher genommen, der größte Einzelposten des Programms (Abb. 23488). Auch zeigen Daten aus der Wiederanlage fällig gewordener Anleihen, die von der Zentralbank ursprünglich im Rahmen ihres Hilfsprogramms gegen die Folgen der Pandemie erworben wurden, einen starken Aufbau des Bestands italienischer Papiere, während der Bestand an deutschen Anleihen abgebaut wurde (Abb. 23486).

Diese Bevorzugung einzelner geschieht ohne jegliche Auflagen für eine angemessene Wirtschaftspolitik. So kauft die EZB schon seit mehreren Jahren die gesamte Neuverschuldung Italiens auf, weil private Anleger im In- und Ausland angesichts der niedrigen Verzinsung für Papiere mit wenig beeindruckender Bonität kein Interesse zeigen. Damit aus Sicht privater Investoren Rendite und Risiko passen, müßten die Anleihen entweder höher rentieren - oder aber Italien müßte eine stärker an Wirtschaftswachstum und soliden Staatsfinanzen ausgerichtete Politik betreiben. So gerät die EZB zunehmend auf die schiefe Bahn und verletzt die ihr vorgeschriebenen Regeln.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 85 09-08-22: Die EZB betreibt eine neue Form von "Münzbeschneidung"




Im Altertum machte das "coin clipping" Schule. Silbermünzen wurden an den Rändern beschnitten, so daß sie einen geringeren Silbergehalt hatten und mehr von ihnen ausgegeben werden konnten (Abb.). Das war eine einfache Form der Inflationierung. Schon im alten Rom sammelten Römische Kaiser die Münzen ein und gaben neue mit weniger Metallgehalt aus. Der Silbergehalt in der Denar-Münze nahm ab. Die Inflation wird für den Untergang des römischen Reiches mitverantwortlich gemacht.

Doch die Inflationierung durch die EZB ist eine ähnliche Beschneidung des Euros, auch wenn niemand die Schere genommen hat. Die elektronische Druckmaschine schaffte das mit einem Liquiditätsaufbau der EZB von 4,7 auf 8,8 Billionen EUR in nur drei Jahren (Abb. 16572), wobei ein erheblicher Teil durch Ankauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren gegen Auszahlung von Euros erfolgte. Mehr Euro ohne mehr Wirtschaftsleistung bedeutet zwangsläufig Inflation. Außerdem wurde der Zins schon mehr als 6 Jahre lang im real negativen Bereich gehalten, was den Geldumlauf beschleunigt und damit ebenfalls zu Inflation geführt hat (Abb.20168). Zuletzt lag die Inflationsrate der Eurozone im Juli bei hohen 8,9 %. Andere Notenbanken wie die der USA oder Großbritanniens haben den gleichen Fehler begangen und ebenfalls hohe Inflationsraten kassiert. Doch einige Notenbanken kleinerer Länder haben weniger Inflation zugelassen, z.B. im Juni gegenüber Vorjahr in % die Schweiz 3,2 %, Island 5,4 % und Norwegen 7,0 %.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 84 09-08-22: Droht auch in Deutschland: Kampf ums Wasser


Die Erde ist zu zwei Dritteln mit dem kostbaren Nass bedeckt und sollte eigentlich genug Wasser haben. Doch - wie die FAZ berichtet - sind 97 % salzig und nur 3 % für den Menschen genießbar. Rund zwei Drittel des Süßwassers jedoch liegen tiefgefroren an den Polen. So steht dem Menschen nur ein Drittel des globalen Süßwasservorrats für die täglichen Bedürfnisse zur Verfügung. Diese Menge gilt zwar als ausreichend, um 7 bis 9 Mrd. Menschen gut über die Runden zu bringen. Doch diese Vorräte sind auf der Welt ungleich verteilt: Rund 2,2 Mrd. Menschen haben laut UNICEF keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Wasser, rund 785 Mio. Menschen fehlt eine Grundversorgung mit Trinkwasser - und der Bedarf wächst.

Deutschland zählt zu den wasserreichen Ländern der Welt. Doch schon heute wird die Bundesrepublik von Ernteausfällen in der Landwirtschaft, zu niedrigen Wasserständen in den Seen und Flüssen oder Schäden in den Wäldern geplagt. Die Industrie zählt zu den größten Wasserverbrauchern (Wassereinsatz im deutschen verarbeitenden Gewerbe in Prozent, 2016, Abb. 23487). Die Baumwolle einer einzigen Jeans verbraucht rund 2000 Liter. Für eine Tasse Kaffee braucht es für Anbau, Verarbeitung, Transport und Veredlung der dazu nötigen Kaffeebohnen bis zu 140 Liter Wasser. Eine Tonne Rohstahl erfordert um die acht Kubikmeter Wasser. Die industrielle Herstellung von Nahrungsmitteln erfordert in einem besonders hohen Maße den Einsatz von Wasser: Um einen Liter Kuhmilch melken und verarbeiten zu können, sind bis zu 1000 Liter Wasser nötig. Eine Packung Frühstückseier brauche in Gestalt von Futter für die Hühner rund 3000, die Herstellung eines Kilogramms Käse 4900 Liter Wasser. Für die Herstellung eines Autos sind bis zu 3700 Liter Wasser nötig. Die chemische Industrie ist der mit Abstand größte industrielle Wasserverbraucher in Deutschland: 3,4 Mrd. Kubikmeter im Jahr 2018. Vier Fünftel des Wassers benötigen die Unternehmen zum Kühlen. Ein Fünftel wird als "Prozesswasser" eingesetzt, also etwa als Lösemittel oder Reaktionsmedium. Die Halbleiterbranche braucht zur Herstellung eines einzigen Chips durchschnittlich bis zu 34 Liter Wasser, insgesamt mit rund 20 Mrd. Kubikmeter Wasser im Jahr - hundertmal mehr als ganz Berlin. Die Zellstoff- und Papierindustrie verbraucht auf ein Kilogramm Papier 9,3 Liter Wasser.

Bei so viel Nachfrage droht auch Deutschland ein Kampf ums Wasser, zumal wenn die Trockenzeiten weiter zunehmen.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 83 08-08-22: Der "wackere" Lindner wieder ohne Mitgefühl für die Opfer der Inflation


Die Inflation trifft vor allem die sozial Schwachen (Abb. 23433). Das 9-Euro-Ticket wurde als Teil des Entlastungspakets der Bundesregierung für die Monate Juni, Juli und August beschlossen, um Verbrauchern angesichts der hohen Inflation zu helfen. Nun meint Lindner kaltherzig, er sehe im Bundeshaushalt keinen Spielraum für weitere Rabattaktionen im Nahverkehr: "Generell bin ich von einer Gratismentalität à la bedingungsloses Grundeinkommen auch im öffentlichen Nahverkehr nicht überzeugt. Jeder Steuerzuschuss für ein Ticket, das nicht die Kosten deckt, bedeutet Umverteilung. Die Menschen auf dem Land, die keinen Bahnhof in der Nähe haben und auf das Auto angewiesen sind, würden den günstigen Nahverkehr subventionieren. Das halte ich für nicht fair."

Das ist wieder eines der verlogenen Lindner-Argumente. Warum hat er dann den jetzt auslaufenden 9-Euro-Tickets zugestimmt? Was soll das Gerede von der angeblichen Umverteilung, wenn es um Sozialschutz, der eine staatliche Aufgabe ist, geht? Kann Lindner nicht das Grundgesetz lesen, in dessen Art. 20 Abs. 1 das Sozialstaatsprinzip festgeschrieben ist ("Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat")? Und die verhältnismäßig wenigen Menschen auf dem Lande, die keinen Bahnhof benutzen können, sind doch kein Argument gegen Millionen von Pendlern, die bisher mit den 9-Euro-Tickets zur Arbeit fahren. Kaltherzigkeit ist schlimm, doch gepaart mit verlogenen Argumenten, wie der angeblichen Subventionierung der 9-Euro-Tickets durch Menschen vom Lande, wird sie unerträglich.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 82 08-08-22: Weiter erhebliches Armutsrisiko in Deutschland




Nach Angaben des Statistischen Bundesamts blieb das Armutsrisiko in Deutschland mit rund 13 Millionen Menschen und einem Anteil von fast 16 % auch 2021 hoch (Abb. 20514). Eine Person gilt nach der EU-Definition für EU-SILC als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 % des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. Bei den Frauen ab 65 Jahren fiel das Armutsgefährdungsrisiko im Jahr 2021 mit 21,0 % deutlich höher aus als bei den Männern derselben Altersklasse mit 17,4 %. Besonders hoch ist nach Angaben des Paritätischen Wohlfahrtsverbands mit fast 42 % der Anteil bei alleinerziehenden Haushalten (Abb. 23458). Auch im W-Europa-Vergleich ist das Armutsrisiko in Deutschland relativ hoch und wir nur von den armen Ländern Portugal, Griechenland, Italien und Spanien übertroffen (Abb. 19300).

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 81 07-09-20: Die EZB spielt falsch und schichtet zugunsten Italiens um


Nach Ihrer Satzung darf die EZB nicht einzelne Euro-Staaten finanzieren. Doch genau das tut sie derzeit. Sie hat im Zeitraum Juni/Juli massiv Staatsanleihen aus Italien gekauft und dafür solche aus Deutschland verkauft (Abb. 23486). Das hat den Zins für italienische Anleihen gedrückt und damit der italienischen Regierung eine höhere Verschuldung ermöglicht. Auch in andere südeuropäische Staatsanleihen wurde umgeschichtet. Dabei hat die EZB Gelder aus fällig werdenden Anleihen aus dem Corona-Krisenprogramm PEPP und dem älteren Anleihekaufprogramm APP benutzt.

Das ziemlich faule Argument der Christine Lagarde: Die EZB müsse die "Transmission", also die Übertragung ihrer Geldpolitik in alle Euroländer, sicherstellen - und die könnte gefährdet sein, wenn es zu einer "Fragmentierung", also Zersplitterung des Euroraums, durch sehr unterschiedliche Anleiherenditen in den Einzelstaaten komme. Dazu der Ökonom der Bank Sarasin Junius: "Bei Zinsaufschlägen, die auf klare hausgemachte politische Probleme eines Landes zurückgehen, wie das in Italien zuletzt der Fall war, sehe ich eigentlich keinen Interventionsbedarf. Insofern finde ich, daß die EZB mit vorschnellen Interventionen nun unnötig Begehrlichkeiten und Ansprüche bei zukünftigen Marktschwankungen geweckt hat."

Wenn die EZB in diesem Tempo ein ganzes Jahr lang italienische Staatsanleihen kaufen würde, dann entspräche das etwa 50 Prozent des aktuell noch sehr hohen italienischen Staatsdefizits, rechnet Ökonom Heinemann vor. Problematisch sei, dass die EZB nicht ausreichend berücksichtige, daß der Anstieg der Italien-Spreads zum Teil von der italienischen Politik hausgemacht sei. Damit setze die EZB die falschen Anreize: "Verantwortungslose Politik wird an den Anleihemärkten nicht mehr bestraft, weil Europas Zentralbank eine bedingungslose Niedrigzinsgarantie abgegeben hat."

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 80 06-08-22: Wie führende Verschwörungstheoretiker Millionen verdienen können



Sie geben sich als seriöse Überbringer von Wahrheiten aus. Doch meist geht es ihnen um Kasse. So hat der Mikrobiologe Sucharit Bhakdi und wohl bekannteste deutsche Covid-19-Leugner mit seinen drei Bestsellern "Schreckgespenst Infektionen. Mythen, Wahn und Wirklichkeit", "Corona Fehlalarm? Zahlen, Daten und Hintergründe" und "Corona unmasked. Neue Daten, Zahlen, Hintergründe" sicher Millionen verdient.

Im Prozess gegen den in USA bekanntesten rechten Moderator und Verschwörungstheoretiker Alex Jones ist aus Textnachrichten hervorgegangen, daß das von dem Medienmann gegründete verschwörungstheoretische Online-Portal an mehreren Tagen im Jahr 2018 jeweils mehr als 800.000 Dollar eingenommen hat. Außerdem behauptete er, mehrere Millionen Dollar durch die Sperrung auf YouTube, Facebook, Twitter und Apple verloren zu haben. Die Unternehmen hatten ihn 2018 wegen Verstößen gegen ihre Regeln von ihren jeweiligen Plattformen geworfen. Jones hat in Allianz mit Donald Trump über das von ihm gegründete Portal "Infowars" in der Vergangenheit immer wieder zu diversen Themen Verschwörungstheorien Position bezogen - etwa, daß die US-Regierung an den Anschlägen am 11. September 2001 in New York beteiligt gewesen sei. Gleichzeitig bewirbt er vermeintliche Wunderheilmittel, die er über einen von ihm betrieben Online-Shop verkauft. Vor Gericht steht Jones aktuell, weil die hinterbliebenen Eltern eines Sandy-Hook-Opfers von ihm eine Entschädigung von 150 Millionen Dollar wegen der Folgen seiner Falschmeldungen fordern. Jones hatte den Amoklauf im Jahr 2012, bei dem ein 20-Jähriger 20 Kinder getötet hatte, als "Ente" bezeichnet.

Bis zum 4. August 2022 beläuft sich die weltweite kumulative Zahl bestätigter SARS-CoV-2-Infektionen auf mehr als 585 Millionen. Die Zahl der Todesopfer in Zusammenhang mit dem Coronavirus stieg bis zu diesem Tag auf mehr als 6,4 Millionen Fälle (Abb. 23484); auch in Deutschland steigt die wöchentliche Zahl der Toten wieder (Abb. 23485). Damit beträgt die durchschnittliche Letalitätsrate weltweit rund 1,1 Prozent. Die Leugner von Covid-19 sind doppelt dumm: Sie glauben den ihnen aufgetischten Blödsinn und sie zahlen oft auch noch dafür. In Deutschland halten nach einer Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung 30 Prozent der Bevölkerung die Behauptung, die Welt werde durch geheime Mächte gesteuert, für wahrscheinlich richtig oder sicher richtig (11 Prozent halten die Aussage für sicher richtig und sind damit überzeugte Verschwörungstheoretiker).

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 79 05-08-22: Putin-Xi, die Allianz der Autokraten, die den Krieg suchen



Nicht viel unterscheidet Xi und Putin. Beide sind demokratiefeindliche Autokraten und wollen noch zu Lebzeiten ihre Reiche weiter vergrößern, wenn nötig mit Krieg und Gewalt. Putin tut es derzeit mit grausamer Brutalität in der Ukraine auf der Suche nach der alten UdSSR. Xi will noch zu seinen Lebzeiten Taiwan und seine 24 Mio. Menschen ins Reich zurückholen, was nur mit Gewalt möglich sein wird, nachdem er schon das einst demokratische Hongkong seinem Regime unterworfen hat. Derzeit läßt er seine Truppen zu Luft und zu Wasser schon mal Taiwan blockieren und dabei auch ballistische Raketen abfeuern, ein klarer Bruch von Völkerrecht.

Auf einen Krieg um Taiwan ist Deutschland genauso wenig vorbereitet, wie es dies bei der Ukraine war. Die Abhängigkeit von China ist noch weit größer. China war 2021 erneut Deutschlands wichtigster Außenhandelspartner. Auch wenn der Anteil nur bei 10 % lag (Abb. 23426), so ist die Abhängigkeit von chinesischen Lieferungen doch sehr komplex. So bekommt die ganze Elektronikbranche Komponenten, Teile, Leiterplatten aus China. Das fängt beim Kinderwagen an und hört beim Mobiltelefon auf. Es erreicht direkt oder indirekt fast alle Produkte, wenn man sich mal in einem Laden umsieht. Aus China werden in erster Linie Datenverarbeitungsgeräte, elektrische und optische Erzeugnisse (42,9 Milliarden Euro), elektrische Ausrüstungen (18,6 Milliarden Euro) sowie Maschinen (11,2 Milliarden Euro) nach Deutschland eingeführt.

Auch wichtige, schwer ersetzbare Rohstoffe kommen aus China. In großen Mengen werden dort Eisenerz, Bauxit, Molybdän, Zinnkonzentrat, Bleierz, Quecksilber, Phosphat oder Gold aus der Erde geholt. China ist eines der bedeutendsten Länder für die Produktion mineralischer Rohstoffe weltweit. Sowohl bei der Bergwerksförderung, als auch bei der Raffinadeproduktion führt China die Weltrangliste bei vielen Rohstoffe an. So gehen 41% der wertmäßigen globalen Raffinadeproduktion auf China zurück. Bei Rohstoffen wie Seltenen Erden, Antimon, Wolfram ist die Länderkonzentration der Produktion aufgrund des großen Anteils der Volksrepublik besonders hoch. Für die Versorgung der deutschen Industrie mit mineralischen Rohstoffen nimmt China daher bereits heute eine wichtige Rolle ein.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 78 04-08-22: Wer noch an den Umweltproblemen zweifelt, sollte von der Hypothese des jetzt verstorbenen Wissenschaftlers James Lovelock lernen


Ich wurde schon Ende der 70er Jahre ein begeisterter Anhänger der von Lovelock und der Mikrobiologin Margulis entwickelten Gaia-Hypothese. Sie besagt, daß die Erde und ihre Biosphäre wie ein Lebewesen betrachtet werden könne, da die Biosphäre - die Gesamtheit aller Organismen - Bedingungen schafft und erhält, die nicht nur Leben, sondern auch eine Evolution komplexerer Organismen ermöglichen. Die Erdoberfläche bildet demnach ein dynamisches System, das die gesamte Biosphäre stabilisiert. Diese Hypothese setzt eine bestimmte Definition von Leben voraus, wonach sich Lebewesen insbesondere durch die Fähigkeit zur Selbstorganisation auszeichnen. Gaia ist der griechische Begriff für die Erde und war eine der ersten Gottheiten.

Im Angesicht der drohenden Klimakatastrophe sagte Lovelock: "Die Erde kann auch ohne den Menschen weiterexistieren: Wenn er nicht Vernunft annimmt, wirft sie ihn ab. Bei einer Klimakatastrophe wird die Erde mal eben einen Teil der Menschheit abwerfen und vielleicht mit einem Drittel weitermachen." Wie wahr und wie wahrscheinlich, wenn man sich die Entwicklung der CO2-Emissionen und die nun beständig auf uns hereinstürzenden Hitzewellen vor Augen führt (Abb. 23416).

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 77 03-08-22: Immer mehr eine Mega-Inflation - und alles noch am Anfang




Schon jetzt verzeichnen wir mit dem Ergebnis für Juli von 7,5 % die höchste Inflationsrate gegenüber dem Vorjahresmonat, die seit 1963 - dem Beginn der Aufzeichnungen - vom Statistischen Bundesamt im Vorjahresvergleich gemessen wurde (Abb. 23483), und die Lebensmittelpreise sind doppelt so stark gestiegen. Doch damit wird nicht Schluß dieser bedrohlichen Entwicklung sein. Denn im August laufen das 9-Euro-Ticket und der Tank-Rabatt aus, die die Inflation bisher gedämpft haben. Lieferketten werden weiter unterbrochen sein und der Krieg in der Ukraine wird noch immer wüten. Außerdem gehen die Gewerkschaften jetzt mit hohen Lohnforderungen energisch vor und heizen die Inflation mit einer Lohn-Preis-Spirale weiter an. So hat die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di hat gerade für die Flughafenbodendienste eine Einigung für Lohnanhebungen um 19 % (!) erreicht. Und die EZB wagt nicht, den Zentralbankzins so anzuheben, daß er die Inflation bremsen könnte.

Vor allem stehen nun die Zahlungen auf die erheblich gestiegenen Gaspreise bevor, und wenn Putin den Gashahn voll zudrehen sollte, würde es noch viel schlimmer werden. Die Gaspreise sind seit September 2021 bereits von 5 auf 16 Cents gestiegen, also fast eine Verdreifachung (Abb. 23474). Das Energiepreis-Vergleichsportal Verivox rechnet damit, daß sich die Gaspreise mit der von Scholz angekündigten Umlage im Vergleich zum Vorjahr verdreifachen werden. Einem durchschnittlichen Haushalt mit vier Menschen, der etwa 20.000 Kilowattstunden verbraucht, drohe durch den Aufschlag in diesem Jahr eine Mehrbelastung von über 2.300 Euro.

So müssen Kunden von RheinEnergie ab Herbst mit einer Steigerung um 133 % mehr als doppelt so viel zahlen als bisher. Das Unternehmen macht für den Schritt die gesteigerten Beschaffungskosten für Erdgas auf den Rohstoffmärkten verantwortlich. In einer Pressemitteilung heißt es, die Beschaffungskosten von RheinEnergie hätten sich binnen einem Jahr um 450 % erhöht. Laut RheinEnergie sind die Preiserhöhungen gleichbedeutend mit einer Verdoppelung der Gesamtkosten, die ein Durchschnittshaushalt für Gas stemmen muss. Bei einem Verbrauch von 10.000 Kilowattstunden pro Jahr (das entspricht in etwa einer Eigentumswohnung) würden die Jahreskosten von bislang 960 Euro auf 2002 Euro steigen. In einer größeren Wohnung oder einem Einfamilienhaus (15.000 Kilowattstunden) falle die Steigerung höher aus: von 1353 Euro auf 2918 Euro). Die tatsächliche Belastung vieler Gaskundinnen und Gaskunden wird allerdings noch deutlich höher ausfallen. Denn in den Kosten ist die neue Gasumlage, mit der die Bundesregierung Gasverbraucher an der Rettung des Gasversorgers Uniper beteiligen will, noch nicht berücksichtigt. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hatte angekündigt, die Umlage werde einen Betrag von 1,5 bis 5 Cent pro Kilowattstunde ausmachen. Im Falle eines Vierpersonenhaushalts würde das einer zusätzlichen Belastung von bis zu tausend Euro entsprechen.

Und von der FDP und ihrem schwarze-Null-gedrugten Lindner ist nur wenig an sozialem Ausgleich zu erwarten. Das kann also noch heiter werden in Deutschland und auf seinen Straßen. Ein Wut-Winter wird kaum zu vermeiden sein (und Putin wird sich die blutigen Hände reiben).

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 76 02-08-22: Die Inflation schlägt auf den Einzelhandel durch: -8,8 % Umsatz real gegenüber Vorjahr


Wie bei der hohen Inflation nicht anders zu erwarten verzeichnete der Einzelhandel im Juni 2022 im Vergleich zum Vorjahresmonat ein Umsatzminus von real 8,8 % (Abb. 04943). Das ist der größte Rückgang zum Vorjahresmonat seit Beginn der Zeitreihe 1994. Der Umsatz im Einzelhandel mit Lebensmitteln stürzte dabei auf dem tiefsten Stand seit Juni 2016; bei Lebensmitteln betrug die Inflation zuletzt rund 15 %. Auch nach der jüngsten Meldung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat die Konsumflaute in Deutschland einen neuen Höhepunkt erreicht und wurde seit Beginn der Erhebung der Verbraucherstimmung für Gesamtdeutschland im Jahr 1991 kein schlechterer Wert gemessen.

Wenn die private Nachfrage in Deutschland so leidet, so wird auch eine negative Entwicklung der gesamten Wirtschaftsleistung wahrscheinlich. Denn zuletzt wurde die Wirtschaft vor allem von den privaten und staatlichen Konsumausgaben gestützt, während der Außenbeitrag das Wirtschaftswachstum bereits dämpfte.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 75 01-08-22: Armes Deutschland: Wenn der Finanzminister im Verteilungskampf gegen die Schwachen antritt, um eine angebliche "Linksverschiebung in der Regierungspolitik" abzuwehren




Der Verteilungskampf wird mit hoher Inflationsrate und Unsicherheiten in der Gasversorgung auch in Deutschland immer härter. Dabei werden vor allem Arme gegen Reiche ausgespielt. Einkommensschwächere sind von der Inflation besonders stark betroffen (Abb. 23433). Auch haben sich ihre Einkommen besonders schlecht entwickelt (Abb. 21347). Im internationalen Vergleich ist die Verteilung in Deutschland die - nach den USA - extremste (Abb. 21264). Nach einer neuen Umfrage des Instituts "Policy Matters" im Auftrag der ZEIT geben auf die Frage, welche Krisen sie persönlich als am bedrohlichsten empfinden, 61 Prozent die steigenden Lebenshaltungskosten an, 21 Prozent den Klimawandel und 18 Prozent den Ukraine-Krieg. 64 Prozent der Befragten blicken mit Sorge auf die Entwicklung ihrer finanziellen Situation - und nur 36 Prozent mit Zuversicht.

Es ist klar, daß der Staat mit Entlastungspaketen dämpfend eingreifen muß. Doch in der Bundesregierung wächst der Streit darüber, welche Gruppen von einem Entlastungspaket profitieren sollten. Der Bundesfinanzminister möchte die Ausgaben des Bundes so kürzen oder begrenzen, daß die Einhaltung der Schuldenbremse zur obersten Priorität im kommenden Jahr wird. Zudem möchte er die Einkommensteuer, vor allem bei der kalten Progression, absenken. Allein diese Maßnahme würde nach Berechnungen des Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Fratzscher den Bund knapp zehn Milliarden Euro im Jahr kosten, wovon acht Milliarden Euro den oberen 30 Prozent der Gutverdienenden zugutekommen, zwei Milliarden Euro für die "arbeitende Mitte" und so gut wie gar nichts für die 30 Prozent der Einkommensschwächsten. Eine Erhöhung des Grundfreibetrags wäre wohl ähnlich teuer und würde den einkommensschwächsten 30 Prozent auch so gut wie nichts bringen.

Eine Erhöhung der Sozialleistungen um 100 Euro pro Person und Monat für die kommenden sechs Monate, so wie von der Diakonie vorgeschlagen, würde dagegen fast ausschließlich den einkommensschwächsten zehn Prozent der Menschen zugutekommen und sie gegen die höheren Kosten für Energie und Lebensmittel absichern. Dies würde die Bundesregierung nur 5,4 Milliarden Euro kosten. Warum kann oder will Lindner das nicht begreifen? In einem Interview in der "WELT" erklärt er nun: Die FDP ist die Garantin gegen eine Linksverschiebung in der Regierungspolitik. Die wichtige Rolle der FDP ergibt sich ja daraus, dafür zu sorgen, daß Deutschland aus der Mitte regiert wird und nicht nach links driftet". Was für ein Unfug, da schon Scholz und seine SPD bestenfalls Mitten sind, doch längst nicht mehr "links"!

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 74 01-08-22: Nadine Pungs: "Menschen, die ich nicht kenne, klammern sich an meinen Eierstöcken fest"







Nadine Pungs ist Schriftstellerin und hat gerade ein Buch geschrieben, in dem sie die Entscheidung, ohne Kinder zu leben, begründet und gleichzeitig dafür wirbt. Um den Absatz zu fördern, hat sie dem SPIEGEL ein Interview gegeben. Darin sagt sie: "Mein Entschluß gegen Mutterschaft wird mir nicht zugetraut. Ich muss belehrt werden. Bekehrt. Menschen, die ich nicht kenne, klammern sich an meinen Eierstöcken fest." Nun dürfte sich niemand, den sie nicht kennt, für die Eierstöcke der Nadine Pungs interessieren. Eine andere Frage ist, ob man für Kinderlosigkeit werben sollte und was die demographischen Folgen der Kinderlosigkeit sind. Die Statistik zeigt, daß deutsche Frauen mit einer Geburtenziffer von nur 1,4 viel zu wenig Kinder haben, als die zur Erhaltung der Bevölkerung notwendigen 2,1 und daß nur ausländische Frauen in Deutschland auf dieses Niveau kommen (Abb. 23481). Die Folge ist eine erhebliche Überalterung gerade der deutschstämmigen Bevölkerung mit vielen negativen Konsequenzen.

Statistisch klar ist auch, daß Frauen, die Kinder zur Welt bringen, durchschnittlich nicht viel weniger Kinder als früher haben. Es ist aber genauso klar, daß dagegen die Zahl total kinderloser Frauen erheblich zugenommen hat und hier der eigentliche Grund für den Bevölkerungsrückgang in der deutschen Bevölkerung liegt (Abb. 21342, 20140). Der Anteil der Kinderlosigkeit ist unter in Deutschland geborenen Frauen etwa doppelt so hoch wie unter den im Ausland geborenen (Abb. 19750). Im Ergebnis hat Deutschland den international höchsten Anteil an Kinderlosigkeit (Abb. 19498). Warum glaubt da bei dieser Situation Nadine Pungs für Kinderlosigkeit werben zu müssen?

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 73 30-07-22: Konjunktur: Deutsche Wirtschaft stagniert schon im 5. Jahr


Das deutsche Bruttoinlandsprodukt blieb im 2. Quartal 2022 im Vergleich zum Vorquartal unverändert (Abb. 21360). Praktisch stagniert es aber schon seit 5 Jahren. "Die schwierigen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit anhaltender Corona-Pandemie, gestörten Lieferketten, steigenden Preisen und dem Krieg in der Ukraine schlagen sich deutlich in der konjunkturellen Entwicklung nieder", teilte das Statistische Bundesamt mit.

Sollte es nun auch noch zu Problemen mit der Gasversorgung kommen, so wird Deutschland in eine Rezession fallen. Da das in einer Situation mit starker sozialer Spaltung bei extrem hoher Inflation geschehen würde und die FDP hartnäckig gegen höhere Sozialleistungen für die "schwarze Null" im Haushalt kämpft, wird mit unruhigen Zeiten auch in Deutschland zu rechnen sein.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 72 29-07-22: Die Inflation steigt weiter


Die Inflation hat im Juli 2022 gegenüber dem Vormonat um weitere 0,9 % zugenommen. Gegenüber dem Vorjahr ging sie zwar von 7,6 % auf 7,5 % sehr leicht zurück (Abb. 23480), jedoch wirken sich hier der Anfang Juni eingeführte Tankrabatt und das 9-Euro-Ticket aus; beide Maßnahmen enden im August und sind daher nur vorübergehend. In welchem Ausmaß sie sich genau ausgewirkt haben, läßt sich nach Angaben des Statistischen Bundesamts mit den vorläufigen Ergebnissen noch nicht darstellen. Doch dürfte die künstlich inflationssenkende Auswirkung erheblich sein, da sich die Teuerungsrate im Bereich Verkehr im Juni auf 8,3 % halbierte, während es im Mai noch 16,3 % gewesen waren. Auch die Bundesbank schreibt: "In den nächsten Monaten dürfte die Inflationsrate weiter hoch bleiben. Im September könnte sie sogar wieder ansteigen, weil dann die temporären Entlastungsmaßnahmen entfallen".

Besonders beunruhigend ist der starke Anstieg der Preise für Nahrungsmittel von 14,8 % gegenüber Vorjahr. Diese für die meisten Menschen besonders wichtige Rate hatte im Juni noch bei 12,7 % erheblich niedriger gelegen. Wer von seinen Ersparnissen leben muß und die vor allem für Lebensmittel ausgibt, verliert allein in vier Jahren fast die Hälfte an die Inflation. Und nun kommt auch noch die Umlage für den gestiegenen Gaspreis hinzu. Einem durchschnittlichen Haushalt mit vier Menschen, der etwa 20.000 Kilowattstunden verbraucht, droht durch den Aufschlag in diesem Jahr eine Mehrbelastung von über 2.300 Euro. Die Überschrift im SPIEGEL "Inflationsrate sinkt im Juli erneut leicht" ist daher sehr irreführend.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 71 29-07-22: Lindner trickst wieder einmal: hartherzig und antisozial



In seinem paranoiden Kampf für die "schwarze Null" und gegen höhere Sozialleistungen zum Ausgleich dieser extremen Inflation, besonders auch gegen eine überfällige Anpassung von H4-Leistungen, die in diesem Jahr nur um 1,6 % steigen (Abb. 23470), hat Lindner nun ein durchsichtig verlogenes Argument entwickelt. In seinem Interview mit der FAZ sagt er: "Wir befinden uns in einer massiven Inflation. Wir sind eine alternde Gesellschaft. Unsere Wachstumsdynamik ist für die weitere Zukunft nicht gesichert. Das heißt, Staatsverschuldung wiegt immer schwerer. Expansive Staatsausgaben befeuern die Inflation. Aus diesem Grund müssen wir zurück zu soliden öffentlichen Finanzen, also der Schuldenbremse."

Das ist ziemlich grober Unfug. Die hohe Inflation hat sehr viele Gründe, vor allem eine langjährig stark inflationsbefördernde Zinspolitik der EZB, wegen Covid-19 unterbrochene Lieferketten aus China und von anderswo, seit längerer Zeit international steigende Energie- und Rohstoffpreise und seit diesem Jahr vor allem der Krieg in der Ukraine sowie neuerdings eine Lohn-Preisspirale aus überzogenen Forderungen der Gewerkschaften. Ausufernde Ausgaben des deutschen Staates gehören wirklich nicht zu den Inflationstreibern. Denn einerseits hängt die Wirkung von Staatsausgaben auf die Inflation von der Art dieser Ausgaben ab. Ausgaben in Bildung und Infrastruktur beispielsweise senken längerfristig die Kosten einer Volkswirtschaft und damit auch das Inflationspotenzial. Direkt dämpfend auf die Gesamtteuerung wirken sich z.B. das staatlich finanzierte 9-Euro-Ticket und der Tankrabatt aus; so halbierte sich die Teuerungsrate im Bereich Verkehr im Juni auf 8,3 %, während es im Mai noch 16,3 % gewesen waren. Schon das stempelt Lindners Behauptung als dumm-bösartige Lüge.

Zweitens müssen gerade bei einer extremen Inflation abfedernde Staatsausgaben für ärmere Bevölkerungskreise möglich sein und nicht als Inflationstreiber verketzert werden. Sonst würde der Staat mit der Zurückhaltung dieser Ausgaben die ärmeren Mitbürger besonders einseitig unter der Inflation leiden lassen und die staatliche Einschränkung gerade deren Konsums noch als Inflationsbremse verkaufen. Verlogener geht es wirklich nicht! Eigentlich zeigt dieses Lügenargument nur, wie hartherzig der Bundesfinanzminister ist, oder wie borniert antisozial seine FDP.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 70 28-07-22: Wie zu erwarten: Jetzt kommt die Konsumflaute


Nach der jüngsten Meldung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat die Konsumflaute in Deutschland wegen der hohen Inflation und der Unsicherheiten in Folge des Ukrainekriegs einen neuen Höhepunkt erreicht: "Seit Beginn der Erhebung der Verbraucherstimmung für Gesamtdeutschland im Jahr 1991 wurde kein schlechterer Wert gemessen. Selbst in den Lockdown-Phasen der Coronapandemie war die Stimmung besser. In normalen Zeiten bewegt sich die Kurve der Konsumstimmung stabil um einen Wert von 10. Im ersten Corona-Lockdown fiel sie auf einen Tiefpunkt von etwa minus 24, jetzt auf minus 27,7 (Abb. 23479). Zu den Sorgen um unterbrochene Lieferketten, den Ukrainekrieg und stark steigende Energie- und Lebensmittelpreise, kommen nun Befürchtungen um eine ausreichende Gasversorgung von Wirtschaft und privaten Haushalten im nächsten Winter. Dies drückt derzeit die Stimmung der Verbraucher in den Keller."

Vor allem, was ihr Einkommen angeht, machen sich die Menschen erhebliche Sorgen. Ausgelöst werden die Ängste durch die hohen Energiekosten, aber auch durch die Schwäche des Euros gegenüber dem Dollar. Dies verteuert deutsche Importe, die in Dollar zu bezahlen sind, und treibt die Inflation im Euroraum nach oben. Die GfK befragt im Auftrag der EU-Kommission jeden Monat rund 2000 Menschen in Deutschland zum Konsumklima. Dabei geht es nicht nur um Ausgaben im Einzelhandel, sondern vor allem auch um Ausgaben für Reisen, Dienstleistungen, Gesundheit und Wellness.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 69 27-07-22: Ver.di, die "Rabauken-Gewerkschaft", kennt selbst in der Krise keine Solidarität


Der Bundeskanzler glaubt, in der Krise die "konzertierte Aktion" wiederbeleben zu können, um eine Lohn-Preis-Spirale und noch mehr Inflation zu vermeiden. Die Dienstleistungs-Gewerkschaft Ver.di zeigt jetzt jedoch mit einem sehr kurzfristig anberaumten Warnstreik bei der Lufthansa mitten in der Ferienzeit, wie naiv die Kanzler-Hoffnung auf Solidarität ist. Die Lufthansa muß morgen fast alle Flüge an ihren deutschen Drehkreuzen Frankfurt und München ausfallen lassen. Betroffen sind fast 1000 Verbindungen und rund 134.000 Passagiere. Aufgerufen sind ganz unterschiedliche Beschäftigtengruppen wie das Schalterpersonal, Flugzeugtechniker oder die Fahrer der riesigen Schlepper, die Flugzeuge am Flughafen auf die richtigen Positionen schieben. Ohne diese Dienstleistungen können die Jets ebenso wenig abheben wie ohne Piloten oder Kabinenpersonal. Die frühe Eskalation nach nur zwei Verhandlungstagen in einer bislang konstruktiv verlaufenden Tarifrunde ist ungewöhnlich und richtet enorme Schäden an.

Die Gewerkschaft fordert bei 12 Monaten Laufzeit 9,5 % mehr Geld in den Lohntabellen, mindestens aber 350 Euro. Einen vollen Inflationsausgleich zu fordern, ist eigentlich Wahnsinn, weil das Einkommen der Arbeitgeber nicht um die Inflationsrate steigt, zumal ein großer Teil der Inflation von den Weltmärkten kommt, besonders bei Energie und Rohstoffen, und gerade die LH von diesen äußeren Einflüssen besonders betroffen ist, denn der Kerosin-Preis ist z.B. seit Dezember 2021 um schon 111 % explodiert, mehr als eine Verdoppelung (Abb. 23478). Ver.di betreibt damit puren Egoismus oder Rabaukentum in einer Situation, in der eigentlich ein Maximum an Solidarität aller Beteiligten nötig wäre. Würden sich alle Gewerkschaften so verhalten, so wäre ein weiterer zusätzlicher Inflationsschub um rund 10 % garantiert und der größere Teil der Bevölkerung ohne Gewerkschaftsschutz wäre auf der Verliererseite.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 68 27-07-22: Der Gaskrieg, den Deutschland so nicht gewinnen kann


Und wieder zeigt sich, daß Putin am längeren Hebel sitzt. Wie er schon beim Treffen in Teheran mit den Staatschefs von Iran und Türkei angekündigt hatte, senkt er jetzt die Lieferungen durch die Hauptleitung Nord Stream 1 weiter. Es sind dann nur noch 20 % der Kapazität und damit eindeutig zu wenig, um Deutschland durch den Winter zu bringen. Prompt schoss der Gaspreis am niederländischen Großhandels-Referenzmarkt TTF um 12 % hoch. Immer wieder erfindet Gazprom Probleme mit der Wartung von Turbinen und gibt den westlichen Sanktionen dafür die Schuld. Gleichzeitig verweist Rußland auf die Möglichkeit, Gas durch die vorhandenen Nord Stream 2 zu liefern, die jedoch von einem westlichen Embargo betroffen ist.

Die Gaspreise sind seit September 2021 bereits von 5 auf 16 Cents gestiegen, also fast eine Verdreifachung. Das Energiepreis-Vergleichsportal Verivox rechnet damit, daß sich die Gaspreise mit der von Scholz angekündigten Umlage im Vergleich zum Vorjahr verdreifachen werden. Einem durchschnittlichen Haushalt mit vier Menschen, der etwa 20.000 Kilowattstunden verbraucht, drohe durch den Aufschlag in diesem Jahr eine Mehrbelastung von über 2.300 Euro. Auch Unternehmen haben schon begonnen, einige Produktionen wegen der hohen Energiepreise einzuschränken. Ebenso gehen die deutschen Verbraucher zunehmend auf die Bremse. Der Ifo-Geschäftsklima-Index fiel jetzt auf den niedrigsten Stand seit Juni 2020 (Abb. 23477). Man kann mit Spannung der Bekanntgabe der Inflationsrate für Juli entgegensehen.

Zunehmend werden die Deutschen, die ohnehin unter dem starken Druck einer sehr hohen Inflation leiden, zusätzlich von der eigenen Regierung und von privaten Unternehmen mit düsteren Prognosen, die zum Gassparen zwingen sollen, genervt. Der Marktführer unter den Wohnungskonzernen Vonovia hatte bereits Anfang des Monats angekündigt, Gas sparen und dazu nachts die Heizungsleistungen in zahlreichen seiner Wohnungen reduzieren zu wollen. Nun meldet sich heute der Chef von Deutschlands zweitgrößtem Wohnungskonzern LEG: "Ich glaube, daß in der derzeitigen Kriegssituation der Bevölkerung in Deutschland klargemacht werden muß, daß jetzt Verzicht angesagt ist. Ein Pullover wird nicht ausreichen, es wird wohl noch eine warme Wolldecke vonnöten sein." Dieser Hochverdiener wird sicher nicht frieren!

Wie lange werden die Deutschen dieses Doppelfeuer ohne Murren aushalten, wenn sie gleichzeitig von Putin und aus dem eigenen Lande genervt werden? Und wenn es zu einer Wirtschaftskrise kommen sollte, die immer wahrscheinlicher wird? Hat man bei den Embargobeschlüssen in einer verständlichen emotionalen Erregung über den grausam-blutigen Krieg gegen die Ukraine vielleicht Putins langen Hebel unterschätzt, die Leidensfähigkeit der eigenen Bevölkerung, vor allem in ihrem ärmeren Teil, aber überschätzt? Müßten jetzt nicht dringendst ausreichend bemessene soziale Zusagen her, auch wenn sich der in die "schwarze Null" vernarrte Lindner dagegen sperren sollte? Vor allem das Wohngeld für die sozial Schwachen, das normalerweise nur alle zwei Jahre angepaßt wird, müßte sofort die steigenden Heizkosten auffangen. Noch steht aber nicht fest, wie teuer Anhebung und Ausweitung des Wohngelds im kommenden Jahr ausfallen werden.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 67 26-07-22: Die Rentner-Republik: So wenig junge Menschen wie noch nie



In Deutschland leben so wenig junge Menschen wie noch nie: Zum Ende des Jahres 2021 waren gut 8,3 Millionen Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren. Das entspricht einem Anteil von 10,0 % an der Gesamtbevölkerung. Die Zahl der jungen Menschen ist somit sowohl absolut als auch anteilig so klein wie nie zuvor seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1950 (Abb. 23475).

Laut EU-Statistikbehörde Eurostat war zum Jahresbeginn 2021 der Anteil der jungen Menschen in Deutschland nach Italien der geringste in W-Europa (Abb. 23476).

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 66 26-07-22: Deutschland vor einem Wut-Winter? - Die Stimmung sinkt



Steinmeier scheint den Stimmungswandel zu registrieren. Er fordert Bereitschaft, "empfindliche Nachteile in Kauf zu nehmen" und fragt: "Sind wir dazu bereit? Vor dieser Frage stehen wir alle - heute und in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten." Nach der neuesten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey schätzen die aktuelle Wirtschaftslage mit 58 % so viele Befragte als schlecht ein wie noch nie seit Beginn der Erhebung im Mai 2017 (Abb.). Ihre aktuelle persönliche Lage schätzen deutlich mehr Menschen negativ ein als jemals zuvor seit Beginn des Wirtschaftsmonitors 2019. Nur noch 25 % geben an, ihre persönliche Lage sei besser als vor fünf Jahren, 36 % empfinden sie als schlechter.

Zugleich stellen sich die Deutschen auf eine Krise von langer Dauer ein. 71 % der Befragten erwarten, dass sich die wirtschaftliche Lage in den kommenden fünf Jahren weiter verschlechtern wird, nur 11 % glauben an eine langfristige Erholung. So pessimistisch zeigten sich die Befragten noch nie seit Beginn des Wirtschaftsmonitors (Abb.). Den größten Handlungsbedarf sehen die Befragten bei Altersvorsorge & Rente mit 22 % und bei Ungleichheit bei Einkommen &Vermögen mit 20 %. Deutlich häufiger als in den Vorjahren nannten die Befragten nun die Wohnkosten, nicht zuletzt aufgrund der extremen Preissteigerungen für Heizen, Warmwasser und Strom.

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im Juli deutlich verschlechtert. Das Ifo-Geschäftsklima fiel im Monatsvergleich um 3,6 Punkte auf 88,6 Zähler, wie das Institut am Montag mitteilte. Das ist der niedrigste Stand seit Juni 2020. "Deutschland steht an der Schwelle zur Rezession", kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest das Ergebnis der Umfrage. "Hohe Energiepreise und drohende Gasknappheit belasten die Konjunktur." Im Detail verschlechterte sich das Geschäftsklima in allen betrachteten Wirtschaftsbereichen deutlich. Das Ifo-Geschäftsklima gilt als Deutschlands wichtigster konjunktureller Frühindikator.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 65 25-07-22: Gaspreise: Wenn die Leichen die Krematorien beheizen müssen



Den Verbandsangaben zufolge gibt es in Deutschland rund 160 Krematorien, von denen etwa zwei Drittel kommunal und ein Drittel privatwirtschaftlich betrieben werden. Bundesweit werde bereits für etwa drei Viertel aller Verstorbenen eine Einäscherung gewählt. Die Preisexplosion bei den Gaspreisen wirkt sich auch auf sie aus. Laut der Gütegemeinschaft Feuerbestattungsanlagen könnten sich Einäscherungen für Angehörige von Verstorbenen verteuern. Daher planen einige Krematorien den Umstieg auf Elektroanlagen, andere auf Flüssigerdgas.

In Augsburg wird erwogen, mit städtischer Sondergenehmigung die gesetzlich vorgeschriebene Mindesttemperatur für Feuerbestattungen um 100 auf 750 Grad Celsius zu drosseln. Das nach eigenen Angaben bundesweit größte Unternehmen dieser Art bei Dachsenhausen nahe Koblenz will künftig zwei Einäscherungsanlagen rund um die Uhr ohne Erdgas betreiben. Einmal auf Betriebstemperatur speist sich die Feuerbestattung in diesen speziellen Anlagen aus der Energie des Verstorbenen beziehungsweise des Sarges".

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 64 25-07-22: Die FDP und ihre Perversionen von Freiheit: Vorfahrt für den Virus


In deutschen Krankenhäusern liegen derzeit doppelt so viele Corona-Patienten wie im vergangenen Sommer. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, warnt daher: "Die Zahlen verdeutlichen, daß der Herbst für die Kliniken erneut eine extreme Belastungsprobe werden kann". Auch der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, appelliert an die Politik, daß das Infektionsschutzgesetz wieder weitreichende Maßnahmen zum Schutz vor Corona ermöglichen solle. Und Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach warnt vor einer "katastrophalen" Corona-Entwicklung, sollten vor dem Herbst keine tauglichen Maßnahmen beschlossen werden: "Wenn wir so wie jetzt in den Herbst hineingingen, also ohne weitere Schutzmaßnahmen, ohne Masken, ohne alles, dann würde das bedeuten, daß die Fallzahlen stark steigen würden, aber auch die Intensivstationen überlastet würden."

Doch für die FDP scheint die Freiheit unendlich zu sein und nicht mehr als pure anmaßende Ideologie. So wies Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) Forderungen nach weitergehenden Corona-Schutzmaßnahmen zurück: "Es darf in Zukunft nicht mehr flächendeckende, pauschale Freiheitseinschränkungen für alle geben. Wir brauchen gezielte Maßnahmen, die möglichst viel gesellschaftliches Leben garantieren und den Menschen möglichst viel Eigenverantwortung belassen." Auch die Einschränkungen bei den kostenlosen Corona-Tests verteidigte Lindner: "Um die Bürgertests zu finanzieren, verwenden wir weiterhin sehr viel Steuergeld. Ein Eigenanteil aber ist zwingend nötig, damit mit dem Steuergeld vernünftig umgegangen wird." Hat der Mensch nicht begriffen, daß der Bürgertest vor allem andere Menschen schützt, mit denen Infizierte in Berührung kommen können, und daß weniger Bürgertests daher mehr Freiheit für den Virus bedeutet?

Diese FDP-Interpretation von Freiheit ist einfach nur noch widerlich und zeigt die Arroganz dieser 5 %-Partei.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 63 24-07-22: Die Scholz-Lüge: "Keine Bürgerin, kein Bürger wird mit seinen Problemen alleingelassen"


Es ist eine schlimme Lüge, die sich der Bundeskanzler - medienträchtig seinen Urlaub unterbrechend - geleistet hat und dabei den populären britischen Fußballslogan "You 'll never walk alone" mißbrauchend. Das ist der Refrain der berühmtesten Fußballhymne der Welt, die im Stadion des FC Liverpool gesungen wird und sich von dort über andere Stadien Großbritanniens und Arenen außerhalb der Britischen Inseln verbreitete. Doch im immer unsozialer werdenden Deutschland, dessen FDP-Finanzminister dabei den negativen Ton angibt, müssen immer mehr Menschen mit ihren sozialen Problemen alleinbleiben.

Mehr als jeder fünfte Mensch in Deutschland (22,4 %) hat nach neuen Zahlen von Eurostat zu wenig Geld, um sich einmal im Jahr einen einwöchigen Urlaub von zu Hause weg zu leisten. Besonders bei vier von zehn Alleinerziehenden (42,1 %) reicht das Geld für Urlaub nicht aus. Das ist eine der höchsten Quoten in W-Europa und fast doppelt so hoch wie in den skandinavischen Ländern und nur von den Armenhäusern Spanien, Irland und Griechenland überboten (Abb. 23472). Bei Paaren wächst das Armutsrisiko mit der Zahl der Kinder. Von Paaren mit einem Kind könnten sich 18,1 % keinen siebentägigen Urlaub leisten. Bei drei Kindern und mehr steige die Quote auf 29,4 %. Die Inflation wird diesen für 2020 aufgezeichneten sozialen Skandal noch einmal vergrößern.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 62 23-07-22: Wir leben in der krisenhaftesten Zeit aller Zeiten



Vom amerikanischen Evolutionsbiologen Jared Diamond stammt die Feststellung: "Wir leben in der krisenhaftesten Zeit aller Zeiten". Tatsächlich fühlt sich Krieg, Klima und soziale Polarisierung nach Untergang an. Jared Diamond sieht vier Gefahren, die er für entscheidend hält: die nukleare Bedrohung, der Klimawandel, Ressourcenerschöpfung und soziale Ungleichheit. Wenn unsere Gesellschaft zusammenbrechen sollte, würde es daran liegen, was wir uns selbst angetan haben, etwa durch diese extreme soziale Polarisierung.

Derzeit ist die Bundesregierung ein gutes Beispiel für regierungsamtliche soziale Polarisierung, und das Dank der extrem unsozialen FDP, die mit dem Finanzminister das große Sagen hat. Der lehnt die 300 Eurozahlung zum sozialen Ausgleich bei Rentnern ab, will an den unsäglichen H4-Strafen festhalten und dort keine Erhöhung der Unterstützung zulassen, ist in die "schwarze Null" vernarrt und auch sonst überall auf der Bremse, wo die Regierung einen sozialen Ausgleich in diesen schweren Zeiten extremer Inflation sucht. Auch der höhere Gaspreis für Alternativen zu Putins Gas soll weitgehend ohne sozialen Ausgleich über höhere Preise durchgesetzt werden. So ermöglicht die Bundesregierung es Gashändlern wie Uniper, die stark gestiegenen Preise weiterzugeben, wobei über ein Umlage-Verfahren bis zu 90 % der Mehrkosten auf alle Verbraucher verteilt werden. Laut Scholz belastet diese Umlage eine vierköpfige Familie mit etwa 200 bis 300 Euro pro Jahr. Das Energiepreis-Vergleichsportal Verivox rechnet jedoch damit, daß sich die Gaspreise mit der von Scholz angekündigten Umlage im Vergleich zum Vorjahr verdreifachen werden; ohne Umlage seien sie jetzt schon um 159 % im Vorjahresvergleich gestiegen. Einem durchschnittlichen Haushalt mit vier Menschen, der etwa 20.000 Kilowattstunden verbraucht, drohe durch den Aufschlag in diesem Jahr eine Mehrbelastung von über 2.300 Euro. Wer lügt hier?

Die soziale Polarisierung ist in Deutschland bereits weit fortgeschritten. Die ganze untere Hälfte der Bevölkerung verfügt nur noch über 1,4 % des Netto-Gesamtvermögens (Abb. 20456); das unterste Viertel hat nur Schulden (Abb. 21241). Und in dieser Situation kommt es nun zu unerträglich hoher Inflation und einem drohenden Gasmangel mit kaltem Winter sowie einer sich wieder verschärfenden Pandemie. Dazu Thüringens Verfassungsschutzchef Stephan Kramer: "Sollte es wegen einer Gasnotlage zum Zusammenbruch der Industrieproduktion kommen, dann könnten die Coronaproteste ein Kindergeburtstag gewesen sein." Und Innenministerin Nancy Faeser: "Wenn die Preissteigerungen viele Menschen hart treffen und wir zusätzlich im Herbst noch eine starke Coronawelle erleben, dann ist das Potenzial für Mobilisierung und Radikalisierung da. Dann werden Populisten und Extremisten ihre Chance wittern, ähnlich wie in der Hochphase der Coronaproteste." Grünen-Außenministerin Annalena Baerbock rutschte in einem Livegespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland die Bemerkung raus, wenn das Gas versiege, "dann sind wir mit Volksaufständen beschäftigt". Und Brandenburgs Verfassungsschutzchef Jörg Müller warnt: "Extremisten träumen von einem deutschen Wutwinter. Sie hoffen, dass Energiekrise und Preissteigerungen die Menschen besonders hart treffen, um die Stimmung aufzugreifen und Werbung für ihre staatsfeindlichen Bestrebungen zu machen."

Es ist höchste Zeit, die 5 %-Partei aus dem Bundestag zu wählen. Deutschland wäre mit einer CDU/CSU-Regierung derzeit weit besser dran als mit dieser FDP-vergifteten Ampel.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 61 22-07-22: Wie weiter mit Italien?







Italien wird im Herbst eine neue Regierung aus dem rechtspopulistischen Lager bekommen, die Wirtschaftsreformen ablehnt und soziale Wohltaten verspricht. Sie wird damit großzügige Milliardenhilfen der EU und die bisherigen Reformvorhaben aufs Spiel setzen. Dabei hinkt die Wirtschaftsentwicklung Italiens hinter der des Euroraums deutlich hinterher (Abb. 23442). Die Wirtschaftsleistung in Kaufkraft gemessen ist um fast ein Dritte niedriger als die deutsche (Abb. 18600).

Nach Griechenland hat Italien die gemessen an seiner Wirtschaftsleistung höchste Staatsschuldenquote (Abb. 21302, 20502). Das Haushaltsdefizit ist nach Griechenland das höchste der EU (Abb. 19376).

Jetzt steigen nach Rücktritt der Regierung die Zinslasten weiter. Italien zahlt auf seine zehn Jahre laufenden Staatsanleihen heute mit 3,3 % mehr als viermal so hohe Zinsen wie vor einem Jahr.

Der EZB wird es in dieser Lage schwerfallen, Italien zu helfen. Tut sie es trotzdem, so müßte sie einen Pakt mit den EU-feindlichen populistischen Kräften riskieren und mit dem eigens geschaffenen neuen Instrument speziell italienische Staatsanleihen kaufen. Damit ginge die gesamte Eurozone schwierigen Zeiten entgegen. Über das vergangene Jahr hat der Euro gemessen am US$ schon mehr als 20 % seines Wertes verloren (Abb. 23471).

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 60 21-07-22: Bürgergeld statt Hartz IV: Reform geht anders


Arbeitsminister Heil nennt seinen Gesetzesentwurf, der ein Bürgergeld an die Stelle des verhaßten H4-Geldes stellen soll, ganz unbescheiden, aber genauso verlogen die "größte Arbeitsmarktreform seit 20 Jahren". In der Tat gibt es einige verfahrensmäßige Erleichterungen, doch die beiden schlimmsten Mängel bleiben. So soll der Zwang, nach nur einem Jahr Arbeitslosigkeit einen vorgeschriebenen Job anzunehmen, in Watte gepackt werden, aber in der Form eines "Kooperationsplans" zwischen Jobcenter und Bürgergeld-Empfänger bleiben, wobei bei Streit ein Schlichtungsmechanismus geplant ist, dessen konkrete Ausgestaltung bisher Heims Geheimnis bleibt. Auch sollen zwar die - schon wegen der starken Inflation - längst unzureichenden Regelsätze erhöht werden. Bei diesem wichtigen Punkt seiner Reform legt Heil jedoch noch keine konkreten Zahlen vor, und der alles entscheidende Finanzminister Christian Lindner tritt sofort auf die Bremse. Eine Erhöhung der Regelsätze lehne er ab, sagte Lindner der Nachrichtenseite ntv.de. Aus dem Bürgergeld dürfe kein bedingungsloses Grundeinkommen werden.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 59 21-07-22: Gasimporte aus der UdSSR - Zeitzeuge: Wie alles anfing und ein Blick auf heute




Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen aus den Anfängen des deutschen Erdgas-Geschäfts mit der damaligen UdSSR. Elf Jahre lang betreute ich ab 1971 im Bundeswirtschaftsministerium als Ministerialrat die sich im Zeichen der Brandt'schen Ostpolitik stürmisch entwickelnden Wirtschaftsbeziehungen mit dem Osten Europas. So organisierte ich die Deutsch-Sowjetische Wirtschaftskommission mit deren jährlichen Tagungen. Hier ging es vor allem unter Vorsitz auf Ministerebene und mit zahlreichen Wirtschaftsbossen beider Seiten um sehr große Wirtschaftsprojekte, wie das Geschäft mit deutschen Stahlröhren gegen sowjetisches Erdgas.

An russischem Erdgas war Deutschland vor allem aus drei Gründen sehr interessiert. Erstens gab es wegen der noch verbreiteten Kohle-Verheizung und -Verstromung ein riesiges Problem mit starker Luftverschmutzung und schwefelsaurem Regen, der auch die Wälder zu vernichten begann. Russisches Erdgas wurde dagegen schon an den Gasfeldern vor Einleitung in die Gasröhren von Schwefel befreit und war daher bei Ankunft in Deutschland sehr umweltfreundlich. Außerdem hat Erdgas einen vergleichsweise geringen CO2-Gehalt. Zweitens sollten die Röhren von der deutschen Stahlindustrie (Mannesmann) geliefert werden, die damals in einer Flaute steckte und dringend auf Aufträge angewiesen war. Drittens begannen die Gasreserven in den Niederlanden, aus denen auch nach Deutschland exportiert wurde, abzusinken.

Auch das Interesse der UdSSR an dem Gasgeschäft mit Deutschland war mangels Devisenquellen außerhalb des Energie- und Rohstoffbereichs sehr groß. Dabei verfügte Russland schon damals über die größten Erdgasreserven der Welt. Das russische Interesse war auch groß genug, um die DDR zu bewegen, ausnahmsweise die Anbindung von Westberlin an einen Abzweiger der Gasleitung zuzulassen, und diese Anbindung der sonst nur über lange Transportwege mit Energie zu versorgende Stadt entsprach wiederum starken deutschen Interessen.

Es gab aber damals schon starke Bedenken aus USA gegen dieses Geschäft. Vor dem G6-Gipfel vom November 1975 auf Schloss Rambouillet mußte ich das Projekt im Nato-Wirtschaftsausschuss verteidigen. Vorher hatte Präsident Ford an Bundeskanzler Schmidt geschrieben und seiner Erwartung Ausdruck gegeben, daß der deutsche Vertreter mit einer den amerikanischen Bedenken Rechnung tragenden Weisung ausgestattet würde. Das war aber nicht der Fall, wie sich auch der amerikanische Nato-Botschafter noch vor der Sitzung überzeugen konnte. Er hatte mich einbestellt und war mit dem Treffen sehr unzufrieden. Fast wäre der ganze Gipfel an dieser Frage gescheitert. Doch konnte sich Schmidt am Ende in Rambouillet ohne offenen Streit durchsetzen.

So unterzeichnete die Bundesregierung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt 1980 mit der sowjetischen Regierung ein Abkommen über eine langfristige wirtschaftliche deutsch-sowjetische Zusammenarbeit, die das Gasgeschäft einschloß. Obwohl sich später auch US-Präsident Reagan unter Androhung eines US-Embargos gegen Technologielieferungen gegen die Pipeline stellte, gab es nach langen Verhandlungen schließlich auch mit ihm eine Einigung. Die westeuropäischen Regierungen, die sich an dem Projekt beteiligen wollten, hatten Kompromissbereitschaft gezeigt, indem sie beispielsweise die Reduktion der Rohrleistung und eine restriktivere Kreditpolitik gegenüber der Sowjetunion zusagten. Ende der 1980er-Jahre deckten sowjetische Importe bereits etwa die Hälfte des Gasbedarfs der BRD.

Die erste Gasleitung aus Rußland wurde damals durch die noch zur UdSSR gehörende Ukraine und dann die CSSR verlegt, bis sie in Waidhaus Deutschland erreichte (Abb.). Später konnte ich in meiner Heimatstadt Westberlin mit viel Genugtuung ob meiner eigenen, wenn auch bescheidenen Rolle beobachten, wie die Straßen aufgerissen wurden, um dort die Leitung zu verlegen.

Erdgas hat als Energieträger in Deutschland mit den Lieferungen aus der UdSSR zunehmend an Bedeutung gewonnen. Sein Anteil am Primärenergieverbrauch hat sich von 15 % im Jahr 1990 mittlerweile fast verdoppelt. Da die eigene deutsche Förderung von Erdgas von geringem Umfang ist und außerdem abnimmt, wird der größte Teil des Erdgasverbrauchs durch Importe gedeckt. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 ging der Anteil der russischen Erdgasexporte leicht zurück Stattdessen stiegen die Anteile von Norwegen und den Niederlanden. 2009 sank der russische Anteil erstmals seit 1983 wieder unter 40 %. Da die Erdgasvorkommen in der Nordsee mittlerweile zunehmend erschöpft sind, profitierte anschließend vor allem Russland vom Anstieg des deutschen Erdgasverbrauchs. Seit 2017 lieferte das Land erstmals über die Hälfte der deutschen Importe (Abb.).

Eigentlich hat sich an den Interessenlagen seit 1980 wenig verändert. Putin muß weiter an den erheblichen Deviseneinnahmen interessiert sein, und Deutschland braucht russisches Gas. Allerdings ist das Projekt mit Putins Krieg gegen die Ukraine in den Mittelpunkt einer heftigen politischen Diskussion geraten, die zu einem westlichen Embargo gegen Lieferungen an Rußland geführt hat. Dem Embargo ist auch eine Turbine unterworfen, die Siemens nach Reparatur in Kanada nun an Rußland liefern müßte und ohne die nach russischer Ansicht die Leistung der Pipeline Nord Stream 1 erheblich reduziert wäre. Damit sind russische Gaslieferungen zum ersten Mal seit 1990 ernsthaft unsicher geworden.

Volkswirtschaftlich gesehen ist es eigentlich Wahnsinn, ein vorhandenes von den Kosten her weitgehend abgeschriebenes und kostenoptimiertes Pipeline-System durch wesentlich teureren Einkauf von Flüssiggas mit entsprechendem Neubau von Terminals ersetzen zu wollen, zumal neue Bezugsquellen auf knappen Märkten ohnehin sehr teuer sind. Das werden nun die deutschen Verbraucher schmerzhaft zu spüren bekommen, zumal sich die FDP gegen einen ausreichenden sozialen Schutz ärmerer Bevölkerungskreise wendet. Dieses Spiel kann nur Putin gewinnen, der auch dabei am wesentlich längeren Hebel sitzt. Leider wird in den deutschen Medien derzeit viel gegen den Erdgasbezug aus Rußland polemisiert. So schreibt SPIEGEL-online: "Klar ist: Auf Dauer müssen die Russen ohne Turbinen von Siemens Energy zurechtkommen. Neue Maschinen will der Konzern nicht an Russland liefern. Und auch die Wartung weiterer Turbinen könnte Probleme aufwerfen, sofern für die Instandsetzung Teile benötigt werden, die auch in Deutschland auf Sanktionslisten stehen." Will man den Deutschen wirklich einreden, daß sie auf die kostengünstige Energie verzichten sollten? Auch wenn das Gas jetzt wieder fließt? Man konnte den Eindruck gewinnen, daß sich viele Medien schon auf einen kalten Winter freuten, um dafür Putin die Schuld zu geben. So titelt die ZEIT heute "Die Krise bleibt, auch wenn das Gas wieder fließt". Nein, Vernunft geht anders!

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.

per Mail verlinken

Blog 58 20-07-22: Wieviel Inflation vertragen unsere Gesellschaften?



Seit rund 18 Monaten leben wir mit einer Inflationsrate, die in die Größenordnung von 8 % pro Jahr angestiegen ist, bei Nahrungsmitteln sogar fast 13 % (Abb. 21230). Ein Ende ist nicht in Sicht, zumal die Unsicherheit über die Gasversorgung hinzugekommen ist und die EZB bisher im Kampf gegen die Geldentwertung nicht nur zaudert, sondern mit einem negativen Zins und extremer Liquidität von der elektronischen Druckmaschine noch sehr zu dieser Entwicklung beigetragen hat. Auf der Regierungsseite bremst in Deutschland die FDP soziale Maßnahmen zur Minderung der Inflationseffekte brutal aus.

Das Problem bedroht allerdings nicht nur Deutschland. Mit noch höheren Inflationsraten kämpfen viele Länder (Abb. 16557) und laufen Gefahr in die Hände populistischer Bewegungen zu fallen. Das Problem spitzt sich derzeit vor allem in Italien zu, wo sich die populistischen Parteien den notwendigen Reformen verweigern und Draghi nicht weiterregieren kann. Nach Ansicht des IWF braucht Italien eine glaubwürdige Doppelstrategie, um die hohen Defizit- und Schuldenquoten in den Griff zu bekommen. Doch genau an dieser Stelle blockieren die populistischen Parteien.

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 57 19-07-22: Klima-Selbstmord?



Europa erwartet in diesen Tagen die höchsten Temperaturen seit Aufzeichnungsbeginn. Die globalen CO2-Emissionen verzeichnen einen immer weiteren Anstieg, ebenso die globalen von NASA berechneten Temperaturanomalien (Abb.). Kurz vor dem Ende der Weltklimakonferenz hat UN-Generalsekretär Antonio Guterres die Vertreter aus fast 200 Staaten eindringlich ermahnt, im Interesse künftiger Generationen mehr gegen die von Treibhausgasen verursachte Erderwärmung zu tun. Der Gipfel sei ein "Moment der Wahrheit", doch bedauerlicherweise seien auch nach zehntägigen Beratungen die wesentlichen politischen Streitpunkte ungelöst: "Diese Gelegenheit zu verschleudern würde unsere letzte gute Chance zunichtemachen, einen ungebremsten Klimawandel zu stoppen. Das wäre nicht nur unmoralisch, das wäre selbstmörderisch. Dies klingt vielleicht wie ein dramatischer Aufruf, aber genau das ist es: ein dramatischer Aufruf."

Sie können gerne per Mail an jjahnke@fn.de antworten.



per Mail verlinken

Blog 56 18-07-22: Facharbeitermangel: Noch eine Krise


Fast acht Monate, so hat die Bundesagentur für Arbeit ermittelt, dauert es im Schnitt, bis ein Seniorenheim eine Pflegekraft findet; etwa sieben Monate, bis ein Handwerksbetrieb eine neue Klimatechnikerin einstellen kann. Mehr als sechs für einen Tiefbauarbeiter, mehr als fünf für eine Luftfahrttechnikerin.Noch nie waren hierzulande so viele Arbeitsplätze verwaist wie heute. Offiziell zählt die Statistik 1,74 Millionen offene Stellen, fast eine Verdoppelung seit 2015 von 0,9 Mio. Stellen (Abb.23468). In Wahrheit dürfte die Zahl noch weit höher liegen. Allein das Handwerk meldet eine Viertelmillion fehlende Kräfte. Die Belegschaft in der Branche ist überdurchschnittlich alt. In allen Gewerken, die mit Gebäudetechnik zu tun haben - Klempner, Sanitär, Heizungstechnik -, waren im Jahr 2020 mehr als 44 Prozent der Beschäftigten 50 Jahre oder älter, im Hoch- und Tiefbau sind es sogar mehr als 47 Prozent. Und wie in jeder anderen Branche lässt die demografische Entwicklung die Bewerberzahlen schmelzen.

Und das ist erst der Anfang, ein Vorgeschmack auf das, was dem Land droht, wenn in wenigen Jahren immer mehr Ältere in Rente gehen, weil die Generation der Babyboomer aus dem Erwerbsleben scheidet, und immer weniger Jüngere nachrücken. Bis 2035, so rechnen Experten vor, stehen dem Jobmarkt allein wegen der Demografie etwa sieben Millionen Menschen weniger zur Verfügung. Seit der Wiedervereinigung hat das sogenannte Potenzialwachstum, nämlich die Zunahme der Wirtschaftsleistung, die bei normal ausgelasteten Kapazitäten möglich ist, im Schnitt bei 1,4 % pro Jahr gelegen. Am Ende dieses Jahrzehnts könnten es nur noch 0,5 % sein.

Der Mangel zeigt sich nicht zuletzt im öffentlichen Dienst. Fünf Millionen Menschen arbeiten hier, in den vergangenen Jahren ist der Bedarf noch gewachsen, vom Anspruch auf die Ganztagsbetreuung im Kindergarten über die Überprüfung von Corona-Schutzmaßnahmen bis hin zur Übernahme einer Treuhänderschaft über russische Energieunternehmen. Die Beratung PwC schätzt, dass im Jahr 2030 eine Million Fachkräfte fehlen könnten, mehr also als in vielen anderen Branchen. Dieser Mangel berührt eine zentrale Legitimation des Staates: die Daseinsvorsorge für seine Bürgerinnen und Bürger.



per Mail verlinken

Blog 55 17-07-22: Wie die EZB den italienischen Staat füttert und zusätzliche Schulden ermöglicht


Der italienische Staat ist seit vielen Jahren stark überschuldet, und in jeder Krise steigen die Zinsen auf italienische Schulden besonders stark, was jeweils die EZB besorgt. Jetzt ist wieder eine besondere Staatskrise in Italien angesagt. Die EZB hat bereits vorsorglich ein Instrument angedacht, mit dem sie gezielt einzelne Euro-Staaten finanzieren würde, und zwar in Abweichung vom Kapitalschlüssel der beiden Standard-Programme "Public Sector Purchase Programme (PSPP)" und "Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP)". Allerdings hat sie bereits in der Vergangenheit vor allem italienische Anleihen weit stärker gekauft, als nach dem Kapitalschlüssel berechtigt gewesen wäre (Abb. 23467).

Vieles von dem Geld, was die EZB einseitig nach Italien pumpt, wird in einer schweren Krise verloren gehen. Die Belastungen werden dann vor allem Deutschland als stärksten Kapitaleigner der EZB treffen. Außerdem ist nun damit zu rechnen, daß die EZB die zur Inflationsbekämpfung angekündigten Zinserhöhungen kleinschreiben oder ganz aufschieben wird.



per Mail verlinken

Blog 54 16-07-22: Der Gas-Krieger



Der Brutalität Putins ist sehr vielseitig. Sie zeigt sich im Krieg gegen die Ukraine, aber auch in den Behinderungen des Getreideexports ohne Rücksicht auf den Hunger der Welt oder in seinem längst erklärten Gaskrieg ohne Rücksicht auf wahrscheinlich nicht ausreichend mit Wärme versorgten Menschen im kommenden Winter. Ein bösartiger und vielleicht schon leicht senil gewordener demnächst Siebzigjähriger will es der Welt noch einmal zeigen.

Dazu die ZEIT: "Die Annahme deutscher und europäischer Politiker, Russland und die Sowjetunion hätten seit 50 Jahren zuverlässig geliefert, stimmte schon seit über einem Jahrzehnt nicht mehr - und sie stimmte nie für Putin. Der Geheimdienstmann sah Gas schon in seinen frühen Jahren an der Macht als Waffe. Er hat diese bereits in den Nullerjahren gegen die Ukraine eingesetzt, er hat damit Preiskriege gegen die baltischen Staaten geführt." In diesem Jahr setzt Putin seine Gas-Waffe gegen Deutschland und W-Europa ein (Abb. 23466).



per Mail verlinken

Blog 53 14-07-22: Die EZB hat es geschafft: Erstmals seit 20 Jahren Euro fällt unter einen Dollar: Wer sind die Opfer?


Mit einer real seit vielen Jahren besonders negativen Zinspolitik und einer die Inflation unterstützenden Liquiditätsflut hat es die EZB geschafft. Der Euro wurde geschwächt und verliert gegenüber dem US$ laufend an Wert: schon jetzt um 29 % (Abb. 19641). Das nützt zwar dem Export, den die EZB im Auge hat, schadet aber mit höheren Euro-Preisen den Importen und kurbelt damit die Inflation weiter an. Deutsche Sparer und arme Haushalte sind die Opfer. Was für ein Wahnsinn!

Bei einer Jahresteuerung von rund 7,1 Prozent im Jahresschnitt 2022 liegt nach einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung die relative Belastung der untersten zehn Prozent der Haushalte fast fünfmal höher als die der einkommensstärksten zehn Prozent.



per Mail verlinken

Blog 52 14-07-22: Demografischer Wandel: Immer mehr Migranten und Ausländer auf dem Weg in die Mehrheit



Der Migranten- und Ausländer-Anteil in der Altersgruppe bis 29 Jahre ist schon von 26 % 2005 auf 37 % 2021 gestiegen und wird weiter zunehmen. Nach Feststellungen des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) ist in dieser Altersgruppe damit schon weit mehr als ein Drittel ohne deutschen Hintergrund. Während 2005 etwas mehr als jedes vierte Kind unter zehn Jahren einen Migrationshintergrund hatte, trifft dies aktuell auf fast jedes zweite Kind dieser Altersgruppe zu. Wenn die in einigen Jahren erwachsen sein werden, werden sie zusammen mit Ausländern eine solide Mehrheit von sehr oft schlecht ausgebildeten und schlecht integrierten und von öffentlichen Leistungen abhängigen Menschen stellen. Merkel, die uns das mit ihrer leichtsinnigen "grenzenlosen" Einladung an die muslimische Welt 2015 eingebrockt hat und sich davon einen parteipolitischen Gewinn bei deutschen "Gutmenschen" versprach, wird dann aus ihrer fürstlich bezahlten Pension grüßen und immer noch behaupten, sie hätte nie etwas falsch gemacht.



per Mail verlinken

Blog 51 13-07-22: Sag mir, wo die Sozialwohnungen sind, wo sind sie geblieben



In die deutsche Soziallandschaft werden immer tiefere Spalten geschlagen: Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer (siehe Blog 49). Die Inflation trifft die Reichen weit weniger stark als die Armen (siehe Blog 48). Ein sich abzeichnender Energienotstand mit besonders steil steigenden Preisen trifft die Armen weit härter als die Reichen (siehe Blog 47), zumal Habeck seine Meinung geändert hat und im Gasnotfall auch von privaten Haushalten einen Einsparbeitrag verlangt, dem aber die Reichen über zusätzliche Wärmepumpen, Photovoltaik und notfalls zusätzliche Öl-Boiler ausweichen können. Bauen und Kaufen von Wohnraum wird besonders für die weniger Betuchten zunehmen unerschwinglich (siehe Blog 46). Spanien plant wegen Kriegsgewinnen eine befristete Sondersteuer für Banken und Energiekonzerne; in Deutschland ginge das nur über Lindners Leiche.

Nun geht auch noch die Zahl der Sozialwohnungen immer weiter zurück (Abb. 19676, 21143). Die Bundesregierung will 100.000 Sozialwohnungen pro Jahr bauen - davon ist sie weit entfernt. In mehr als der Hälfte der Bundesländer ging der Bestand 2021 weiter zurück. Nach der Antwort der Bundesregierung auf eine Frage der Bundestagsfraktion der Linken schrumpfte der Bestand im vergangenen Jahr in zehn von 16 Bundesländern: in Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Thüringen. Die in Aussicht gestellte Verdreifachung der Bundesförderung reicht nicht, um bei steigenden Kosten eine Verfünffachung des Neubaus zu stemmen.

Bei Sozialwohnungen sind die Mieten staatlich reguliert. Nur Menschen, bei denen die Behörden einen besonderen Bedarf sehen, dürfen dort wohnen. Das gilt allerdings nur für eine bestimmte Zeit, danach können die Wohnungen normal am Markt vermietet werden. Die Dauer dieser Bindung ist in den Ländern unterschiedlich geregelt. Oft sind es 12, 15, 20 oder 30 Jahre. Ende 2020 gab es nur noch etwa 1,13 Millionen Sozialwohnungen; 2004 waren es noch mehr als doppelt so viele.



per Mail verlinken

Blog 50 12-07-22: Aus einem deutschen Altenheim


Der Anteil alter Menschen gemessen an denen im arbeitsfähigen Alter steigt immer mehr und wird nach Vorausberechnungen von 40 % 2020 auf über 64 % 2050 steigen (Abb. 23405). Mit Altersfortschritt brauchen immer mehr Menschen einen Platz in einem Alters- oder Pflegeheim. Dieser Eintrag erreicht Sie aus einem Heim für betreutes Wohnen, wo man relativ komfortabel in seinem eigenen Mobiliar wohnen kann und gut versorgt wird.

2020 gab es insgesamt 11.712 Altenheime und Pflegeheime von sehr unterschiedlichem Standard in Deutschland. Angesichts des sich verschärfenden Mangels an Plätzen müssen sich alte Menschen immer früher bewerben, weil sie sonst keinen geeigneten Platz mehr finden. Eine typische Frage unter Bewohnern ist daher: "Wie lange sind Sie schon hier?" Darauf eine Antwort: "15 Jahre" und eine typische Bemerkung: "Da haben Sie schon viele kennengelernt, die nicht mehr sind!".



per Mail verlinken

Blog 49 12-07-22: Wann kommt die deutsche Gesellschaft an einen Bruchpunkt?



Die Inflation wirkt sozial sehr ungleich (siehe Blog 48). Die Wirtschaftssanktionen gegen Rußland drohen jetzt mit der ungleichen Verteilung der viel geringer verfügbaren Erdgasversorgung einen weiteren starken Riß durch die Bevölkerung zu verursachen. Die Medien spekulieren mit immer schrilleren Schlagzeilen, ob russisches Gas nach der Reparatur an der Pipeline wieder fließen wird. Große Unternehmen sagen eine Wirtschaftskrise voraus, falls sie nicht bevorzugt mit Gas beliefert werden. Putin dürfte seine Freude an diesen deutschen Ängsten haben.

Die Bundesregierung wird - so Außenministerin Annalena Baerbock - alles dafür tun, dass eine weitere Verknappung russischer Gaslieferungen nicht zu einer Spaltung der Gesellschaft führt: "Wenn wir weniger Energie haben, wenn wir weniger Wärmeversorgung haben, dann werden wir dafür sorgen, dass es gerecht zugehen wird". Doch vergißt sie dabei, daß die Spaltung schon lange da ist, wobei die untere Hälfte der Bevölkerung nur noch 1,4 % des Nettogesamtvermögens (Abb. 20456) und das unterste Viertel praktisch kein Vermögen oder nur Schulden besitzt (Abb. 21241). Baerbock vergißt auch, daß die Spaltung derzeit bereits mit nächtlicher Temperaturabsenkung und Drosselung der Warmwasserversorgung durch Wohnungsgesellschaften weiter vertieft wird. Schon jetzt ist klar, daß größere Bevölkerungsteile die höheren Gaspreise neben den Belastungen durch die allgemein sehr hohe Inflation nicht mehr tragen können und daß dies mit kleinen Einmalzahlungen der Bundesregierung nicht aufgefangen werden kann. Auch ist Deutschland auf eine Planwirtschaft mit Gaszuteilung weder technisch, noch administrativ vorbereitet. Baerbocks Sprüche sind daher nur wie Pfeifen im finsteren Wald.

Der Streit über die Verteilung hat schon begonnen. Die chemische Industrie zieht den Vorrang privater Haushalte bei der Zuteilung von Gas im Notfall in Zweifel. Auf die Frage, ob Firmen gegenüber Privathaushalten bevorzugt werden müssten, antwortete der Chef des Chemieindustrieverbands VCI Kullmann so: "Die Sicherung der Arbeitsplätze und damit des Einkommens sei für die Familien wichtig und steht für die Gesellschaft höher als die vollständige Sicherstellung der privaten Gasversorgung". Dabei verbrauchen Industrie und Gewerbe 50 % des Gases, die privaten Haushalte dagegen nur 31 %.



per Mail verlinken

Blog 48 11-07-22: Warum die Inflation eine mehrfache soziale Sauerei ist


Erstens hat die EZB längst vor Putins Krieg gegen die Ukraine mit negativen Zinsen und einer Liquiditätsflut aus der elektronischen Druckmaschine die Inflation hochgetrieben und damit sehr einseitig die Wohlhabenden mit einem langen Börsen- und Immobilienboom total einseitig bereichert. Zweitens leiden die ärmeren Bevölkerungskreise weit stärker unter der Inflation als die reicheren (Abb.).

Familien mit niedrigem Einkommen tragen die höchste Inflationsbelastung, Alleinlebende mit hohem Einkommen die geringste. Gemessen an den für diese Haushaltstypen repräsentativen Warenkörben sind die Preise im Mai 2022 um 8,9 Prozent beziehungsweise 6,5 Prozent gestiegen. Mit 2,4 Prozentpunkten war die Differenz zwischen ärmeren Familien und wohlhabenden Alleinlebenden im Mai deutlich größer als in den Vormonaten und dreimal so hoch wie im Februar. Das liegt daran, dass die stärksten Preistreiber - Haushaltsenergie, Kraftstoffe und zunehmend Lebensmittel - unterschiedlich stark durchschlagen: Bei Familien mit zwei Kindern und niedrigem Einkommen machen diese drei Komponenten nach den Berechnungen des IMK 6,6 Prozentpunkte der haushaltsspezifischen Inflationsrate aus. Bei Alleinstehenden mit hohem Einkommen entfallen darauf hingegen nur 3,5 Prozentpunkte.

Nach einer repräsentativen Erwerbspersonenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung empfindet fast ein Viertel aller Erwerbstätigen und Arbeitsuchenden die eigene finanzielle Lage als "äußerst stark" oder "stark" belastend und hat große Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation. Unter Erwerbspersonen mit niedrigem Haushaltseinkommen unter 1300 Euro netto im Monat gilt dies sogar für mehr als die Hälfte, in der nächsthöheren Einkommensgruppe zwischen 1301 und 2000 Euro sind es fast 40 Prozent. Die Sorge um die soziale Ungleichheit in Deutschland ist ebenfalls ausgeprägter als zu früheren Zeitpunkten in der Pandemie: Zwei Drittel der Befragten fürchten, dass die Gesellschaft so weit auseinanderdriftet, „dass sie Gefahr läuft, daran zu zerbrechen“. 70 Prozent der befragten Erwerbspersonen sind aktuell unzufrieden mit dem Krisenmanagement der Bundesregierung in der Russland-Krise.



per Mail verlinken

Blog 47 10-07-22: Der Erdgaspreis steigt und steigt: Quo vadis?


Gegenüber dem Vorjahr hat sich der Importpreis für Erdgas schon mehr als verdreifacht (Abb. 23463). Und die Regierung warnt davor, daß diese Entwicklung weitergehen wird. Wirtschaftsminister Habeck: "Die Bürger müssen sich auf stark steigende Preise einstellen. Dies wird hart und für einige zu hart. Ohne politische Flankierung wird die soziale Spaltung zu stark befördert. Die Preise werden weitergegeben, und wir müssen das sozialpolitisch auffangen. Ich befürchte angesichts des drohenden Ausfalls von Gaslieferungen aus Russland ein politisches Albtraumszenario. Dieses würde eintreten, wenn der Staat im akuten Krisenfall die Zuteilung von Gas steuern müßte. Ich mache mir keine Illusion, was dann passieren würde. Das wird Deutschland vor eine Zerreißprobe stellen, die wir lange so nicht hatten." Und Bundeskanzler Scholz: "In diesen Tagen beschäftigt uns die Sicherheit unserer Energieversorgung. Sie wird es noch die nächsten Wochen, Monate und auch Jahre."

Hoffentlich kann sich nicht wieder die FDP durchsetzen, die die Rentner und Studierenden von der 300 EUR Einmalzahlung ausgeschlossen hat, wobei 300 EUR lächerlich ungemessen sind, zumal nach Steuer im Durchschnitt nur noch 193 Euro netto bei den Beschäftigten ankommen. Lindners Politik der "Schwarzen Null", führt bei solchen Energiepreisen und einer insgesamt sehr hohen Inflationsrate direkt in ein soziales Chaos.

per Mail verlinken

Blog 46 09-07-22: Wenn das Bauen oder Kaufen von Wohnraum für sehr viele Haushalte unerschwinglich wird




Die Preise für den Neubau konventionell gefertigter Wohngebäude in Deutschland sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Mai 2022 um 17,6 % gegenüber Mai 2021 gestiegen (Abb. 23461). Dies ist der höchste Anstieg der Baupreise gegenüber einem Vorjahr seit Mai 1970, also seit 52 Jahren. Im Februar 2022, dem vorherigen Berichtsmonat der Statistik, waren die Preise im Vorjahresvergleich noch um 14,3 % gestiegen. Die Preisangaben beziehen sich auf Bauleistungen am Bauwerk einschließlich Mehrwertsteuer. Ähnlich gestiegen sind die Preise für Wohnimmobilien (Abb. 21355, 23662)

Der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie Müller befürchtet, daß neue Wohnungsbauprojekte aufgrund der gestiegenen Baukosten und der wieder anziehenden Zinsen erst einmal zurückgestellt werden: "Der Traum vom Eigenheim wird für einige Haushalte wohl erst einmal ein Traum bleiben, wenn das ursprünglich eingeplante Budget - auch angesichts gleichzeitig steigender Energie- und Lebenshaltungskosten - nicht mehr ausreicht." So versagt auch immer häufiger dieser Rettungsweg aus der Inflation.



per Mail verlinken

Blog 45 09-07-22: Frankreich will die Verschuldungsgrenzen in der Eurozone schleifen und arbeitet dabei mit Lügen



Der französische Finanzminister ist schon lange dabei, ein definitives Begräbnis der wegen der Pandemie nur ausgesetzten Maastricht Regeln über die Grenzen der Staatsverschuldung zu verlangen, die seinerzeit Voraussetzung der Aufgabe der DM durch Deutschland waren. Nach dem Verlust der absoluten Mehrheit im französischen Parlament und der Notwendigkeit höherer Sozial-Ausgaben wird er nun noch aggressiver. So bezeichnete er die Verschuldungsregeln als "obsolet", weil sich in der Eurozone überall ein neues Modell mit stärkeren Staatsschulden entwickelt habe. Der Unterschied zwischen "frugalen" (sparsamen) Nord-Ländern, geführt von Deutschland, und ausgabefreudigen Süd-Ländern sei nicht mehr relevant.

Doch das ist Unsinn und Lüge gleichzeitig. Frankreich hatte im vergangenen Jahr ein Haushaltsdefizit von hohen 6,5 % seiner Wirtschaftsleistung, während es in Deutschland nur 3,7 % waren (Abb. 19376). Der Unterschied zwischen 2,5 % in den Niederlanden und 7,2 % in Italien war sogar noch viel größer. Die "nichtfinanziellen" Staatskonten lagen in fast allen Quartalen im Zeitraum seit 2018 für Frankreich erheblich mehr im Defizit als für Deutschland (Abb. 23460). Der Unterschied zwischen Nord und Süd in der Eurozone ist trotz der zwischenzeitlichen Annäherung in der Pandemie immer noch gewaltig und dürfte nach Abklingen der Pandemie eher zunehmen.



per Mail verlinken

Blog 44 08-07-22: Warum wir jetzt wegen des drohenden Gasausfalls auch noch Atomstrom brauchen



Deutschland hat mit nur noch 11,3 % - vor den Niederlanden - den in der EU kleinsten Anteil an Atomstrom an der Stromerzeugung (Abb.). Ende des Jahres wird er mit der Abschaltung der letzten drei AKWs auf null fallen. Dagegen sind es z.B. in Frankreich 71 %, Belgien 39 %, Finnland 34 % und Schweden 30 %. In Frankreich, das große Ausbaupläne hat, wird die Kernkraftindustrie gerade nationalisiert.

Sollte, was befürchtet wird, Rußland die Gaslieferungen abschalten, so droht Deutschland nach Ansicht der Bundesregierung in eine schwere Wirtschaftskrise zu stürzen. Strom, der teilweise in Gaskraftwerken erzeugt wird, dürfte sehr teuer werden. Zum Heizen dürften viele Bürger kurzzeitig auf Stromheizkörper ausweichen und die Nachfrage nach Strom weiter hochtreiben. Der nach dem Unfall von Fukushima plötzlich von Merkel verhängte Ausstieg aus der Kernenergie war ein populistisches Manöver, bei dem sie auf die Wählerstimmung setzte. Heute hat sich die Stimmung jedoch - auch unter dem Eindruck der Gasabhängigkeit von Rußland - geändert, und mehr als die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger signalisieren in Umfragen Zustimmung zu einer Laufzeitverlängerung.

Um Energie zu sparen, hat Deutschlands größter Wohnungskonzern schon jetzt angekündigt, während der Nachtstunden die Vorlauftemperatur der Heizungsanlage absenken. Die Räume werden dann allenfalls noch rund 17 Grad warm. Wegen der hohen Energiepreise will eine Wohnungsgenossenschaft in Sachsen ihren Mietern zeitweise das warme Wasser abdrehen. Die Chefin des Verbands Sächsischer Wohnungsgenossenschaften (VSWG): "Aktuell haben die meisten sächsischen Wohnungsgenossenschaften Festpreisvereinbarungen für Erdgas mit Preisen zwischen 1,5 und 5 Cent netto pro Kilowattstunde. Mit Wegfall der Festpreisbindung würde der Preis auf 15 Cent netto und mehr steigen. Das bedeutet in einigen Fällen eine Verzehnfachung der Bezugspreise für Gas. Es gibt bereits jetzt erste Fälle - vor allem in Ostdeutschland - in denen allein die Kosten für Heizung und Warmwasser über den Nettokaltmieten liegen. Faktisch ist hier bereits eine Verdoppelung der bisherigen Mieten erfolgt."

Neben den drei Ende des Jahres stillzulegenden AKWs gibt es noch drei weitere, die Ende vergangenen Jahres stillgelegt wurden, aber noch Betriebsgenehmigungen haben. 2021 produzierten die damals noch sechs deutschen AKWs genauso viel Strom wie die gesamte Fotovoltaik. In der jetzigen Energiekrise könnten AKWs Anteile an Gas- und Kohlestrom ersetzen, die sonst mit russischen Energieträgern produziert würden.

Fachleute gehen von rund fünf Milliarden Kilowattstunden pro Anlage aus, die bis zum Sommer 2023 noch drin wären. Der gesamte deutsche Stromverbrauch lag im vergangenen Jahr bei 557 Mrd. Kilowattstunden. 30 Mrd. zusätzlich wären also nicht unbedeutend, schon gar nicht in einer schweren Krise. Die notwendigen Sicherheitsanalysen könnten ohne Abschaltung betriebsbegleitend durchführt werden. AKWs durchlaufen ohnehin bis zu ihrem letzten Betriebstag und weit darüber hinaus die sicherheitsgarantierenden Testzyklen und Wartungsprozeduren, die vom Regelwerk vorgeschrieben sind.

Außerdem war es immer schon klima-politischer Wahnsinn, AKWs abzuschalten und dafür die deutschen CO2-Dreckschleudern auf Kohlebasis weiterlaufen zu lassen, wie es jetzt von der Bundesregierung unter einem grünen Wirtschafts- und Umweltminister betrieben wird!



per Mail verlinken

Blog 43 08-07-22: Deutsche Industrieproduktion: Im Rückzug seit 2018


Die deutsche Industrieproduktion geht seit 2018 laufend zurück (Abb. 23444). Nach Ansicht des Statistischen Bundesamts dürfte die Produktion nach wie vor durch die hohe Knappheit an Vorprodukten beeinträchtigt sein. Gestörte Lieferketten infolge des Kriegs in der Ukraine und anhaltender Verwerfungen durch die Corona-Krise wie Schließungen von Häfen in China führen nach wie vor zu Problemen beim Abarbeiten der Aufträge. Laut dem ifo Institut für Wirtschaftsforschung gaben 77,2 % der befragten Industrieunternehmen im Mai 2022 an, von Engpässen und Problemen bei der Beschaffung von Vorprodukten und Rohstoffen betroffen zu sein. Man muß damit rechnen, daß diese Entwicklung auch zu der hohen Inflationsrate beiträgt.



per Mail verlinken

Blog 42 07-02-22: Wer ist Ferda Ataman?


Ferda Ataman ist eine Deutsch-Türkin, die von der Bundesregierung als Leiterin des Antidiskriminierungsstelle (ADS) des Bundes eingesetzt werden soll und um die es jetzt Streit gibt, weil sie in der Vergangenheit den Deutschen öffentlich und pauschal ein "Blut-und-Boden-Denken", Rassismus, Nähe zum Nationalsozialismus und Ähnliches vorgeworfen und den Begriff "Heimat" verunglimpft hat. Hier einige Zitate:

"Wir reden erst über Heimatsehnsucht, seit viele Geflüchtete gekommen sind. Politiker, die derzeit über Heimat reden, suchen in der Regel eine Antwort auf die grassierende 'Fremdenangst'. Doch das ist brandgefährlich. Denn in diesem Kontext kann Heimat nur bedeuten, daß es um Blut und Boden geht: Deutschland als Heimat der Menschen, die zuerst hier waren. Und also auch bestimmte Vorrechte haben. Hier wird Heimat zum weniger verpönten Begriff für "Volk" und "Nation". Heimat ist nicht länger hybrid und erwerbbar, sondern ein Code für "Deutschland den Deutschen"."

"Seit 2015 hat das Land ein Heimatfieber erfasst, das 2018 seinen Siedepunkt erreichte."

"Für Seehofer und viele Menschen in Deutschland hat Blut-und-Boden-Denke offenbar ausschließlich mit den Jahren 1933 bis 1945 zu tun. Aus meiner Sicht - und der vieler Menschen mit erkennbarem Migrationshintergrund - nicht. Wir erleben, dass es die damals fantasierte "Einheit von Rasse und Raum" - oder wie man heute wohl eher sagen würde: "von Volk und Nation" - weiterhin gibt."

"Es ist höchste Zeit für eine breite politische Debatte darüber, was in Deutschland Zugehörigkeit ausmacht und welche Rolle die Vorfahren dabei spielen. Wann werden aus Migranten Einheimische? Und wir müssen uns fragen: Sind Privilegien für Menschen, die qua Abstammung länger hier sind, im 21. Jahrhundert noch angemessen?"

"Sie kennen bestimmt den Satz: "Immer mehr Deutsche fühlen sich fremd im eigenen Land". Der Neonazi-Spruch ist längst nicht mehr verpönt, sondern taugt zur Befindlichkeitserfassung durch seriöse Umfrageinstitute. Kaum jemand spricht darüber, dass damit Rassismus und Antisemitismus zur berechtigten "Heimatsehnsucht" erklärt werden.



per Mail verlinken

Blog 41 05-07-22: Scholz' Kampf gegen die Inflation: Außer Spesen nichts gewesen



Scholz verdeckt seine Ohnmacht und die FDP-gesteuerte Verweigerung zusätzlicher Sozialleistungen mit warnenden Worten vor der zunehmenden Krise: "Die aktuelle Krise wird nicht in wenigen Monaten vorübergehen. Russlands Krieg in der Ukraine und die durch die Pandemie gestörten Lieferketten sorgen für eine generelle Unsicherheit. Wir müssen uns darauf einstellen, dass sich diese Lage auf absehbare Zeit nicht ändern wird. Wir stehen vor einer historischen Herausforderung. Durch diese Phase werden wir nur gut hindurchkommen, wenn wir uns unterhaken und uns auf gemeinsame Lösungen einigen. Wichtig ist mir die Botschaft: Wir stehen zusammen."

Doch wie können wir zusammenstehen, wenn in der Regierung der 5 %-Partner FDP ständig von der "schwarzen Null" träumt und ausgleichende Sozialleistungen strikt ablehnt? Und so mußte Scholz auf die bisherigen Entlastungen wie den Heizkostenzuschuss, den Wegfall der EEG-Umlage, den Tankrabatt oder das 9-Euro-Ticket, hinweisen, die alle von gestern sind. Wo war die Solidarität, als die FDP die Rentner von der 300 EUR Ausgleichszahlung kaltherzig ausschloß? Seit Scholz diese Partei in die Regierung holte, ist auch sein Eintreten für Solidarität nicht mehr als hohle Sprüche.

Es ist ein trauriges Bild. Lösungen sind nicht in Sicht. Soviel scheint sicher: Putin wird den längeren Atem haben, im Krieg der Sanktionen, aber auch in der Ukraine. Jetzt von einem Wiederaufbau zu sprechen, wenn immer mehr in Schutt und Asche fällt, ist eigentlich nicht nachvollziehbar.

Wenn demnächst in den kalten Monaten bei uns die Gasheizungen versagen, wird der große Streit ausbrechen, wer dann abzuschalten ist. Die Solidarität wird auch dort brüchig sein. Man darf nicht vergessen: Viele soziale Gruppen der deutschen Bevölkerung weisen schon jetzt hohe Armutsanteile bis zu 42 % auf (Abb. 23458). Bei einem Erwachsenen mit Kindern, und das sind meist alleinerziehende Frauen fast 42 %! Weiß Scholz das eigentlich? Lindner weiß es bestimmt nicht.

Bei Inflationsraten um derzeit 8 % und 13 % für Lebensmittel schmilzt das Sparkapital weg wie Schnee in der Sonne und breitet sich entsprechend weitere Armut aus. Immobilienbesitz sichert zwar gegen die Inflation, aber in Deutschland wohnt nur die Hälfte der Haushalte in einer eigenen Wohnung zu vergleichen mit 75 % in Spanien und Griechenland oder 72 % in Italien (Abb. 21363), und nur die meist ohnehin Wohlhabenden haben eine eigene Wohnung; unter 2.500 EUR Monatseinkommen haben nur 34 % Wohneigentum.



per Mail verlinken

Blog 40 05-07-22: Ausgebrannt und kranke Psyche





Nach einem neuen Artikel in der ZEIT leiden aktuell etwa 15 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland an einem Burn-out oder einer Depression. Betroffene melden sich im Schnitt 30 bis 35 Tage krank und fehlen damit bis zu vier Wochen länger als jemand, der eine Atemwegserkrankung hat oder Rückenbeschwerden. Psychische Erkrankungen verzeichnen immer neue Höchststände: 2020 waren es nach AOK 265 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Versicherte (Abb. 23457). Seit 2010 sind die Arbeitsunfähigkeitstage um 65 % gestiegen (Abb. 14792).

Im internationalen Vergleich der Krankenhausentlassungen mit der Diagnose psychische und Verhaltensstörungen je Einwohner lag Deutschland nach Eurostat 2018 an der Spitze (Abb. 19732). Ähnlich sieht es bei der depressiven Symptomatik nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts aus (Abb. 20769).



per Mail verlinken

Blog 39 04-07-22: Sich hinter einem total überholten Koalitionsvertrag oder der Ideologie des kleinsten Koalitionspartners zu verschanzen, ist Wahnsinn



Auf Deutschland kommt eine riesige Energiekrise zu. Vor allem die Gaspreise steigen, seit 2021 schon weit mehr als eine Verdoppelung (Abb. 23456). Aber auch die Strompreise ziehen an: Laut dem Vergleichsportal Verivox kostete eine Kilowattstunde für einen Durchschnittshaushalt im Juni 39,68 Cent und damit gut ein Drittel mehr als ein Jahr zuvor. Ebenso sind die Ölpreise seit Beginn des letzten Jahres gewaltig gestiegen (Abb. 23455). Damit sind starke soziale Spannungen vorprogrammiert, die sozial abgefedert werden müssen.

Doch Lindner und seine FDP sind in ihrer Ideologie gefangen und bestehen auf der "schwarzen Null" im Haushalt. Auch ein Tempolimit auf Autobahnen, daß die Spritpreise etwas dämpfen könnte, lehnt die FDP ab und verweist auf den total überholten Koalitionsvertrag. Ebenso stellt sie sich gegen eine für die Bundesländer wichtige gesetzliche Vorbereitung auf die neue Corona-Welle im Herbst. Und natürlich lehnt Lindner auch eine "Übergewinn-Steuer" für exorbitante Krisengewinne von Unternehmen ab; sein Generalsekretär tut das als "finanzpolitischen Populismus" ab; die Meinung der Bürger scheint ihm nichts wert zu sein. Das kann mit dieser FDP noch heiter werden!



per Mail verlinken

Blog 38 03-07-22: Keine Putin-Blumen auf den Särgen russischer Soldaten im Ukrainekrieg





Die Plünderer aus dem angeblichen Kulturvolk


Nach Angaben des ukrainischen Generalstabes sind seit Beginn der Invasion am 24. Februar inzwischen fast 36.000 russische Soldaten gefallen. Das mag nicht genau sein, aber die Zahl der Toten dürfte ausreichend hoch sein, um von Putin zur Kenntnis genommen zu werden. Doch es soll kein "Krieg" sein, und so legt er keine Blumen auf die Särge seiner toten Soldaten. Das Photo zeigt stattdessen, wie er Blumen am Grabmal des unbekannten Soldaten im Alexandergarten am Kreml am 22. Juni 2022, dem 81. Jahrestag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion, ablegt.

Und dieser "Nicht-Krieg" ist voller russischer Mythen. Auf die Frage der ZEIT an den ukrainischen Schriftsteller Prochasko, was heute, 300 Jahre nach der europäischen Aufklärung, die neuen Mythen, die im Krieg in der Ukraine wirksam seien, sind, antwortet dieser: "Es gibt mehrere, die miteinander zusammenhängen: Da ist der Mythos von der Überlegenheit, er handelt von der besonderen Auserwähltheit der großrussischen Zivilisation. Da ist der Mythos von der russischen Seele, die immer ein Anrecht auf Expansion hat und auf Unterwerfung der anderen. Sie ist diesem Mythos zufolge immer im Recht, sie ist das Gute und Böses kann man ihr nicht unterstellen. Ferner ist da der Mythos von der ewigen Benachteiligung Russlands durch den Westen. Es gibt außerdem jene Mythologie von der fälligen Befreiung der westlichen Zivilisation durch Russland, die sich nach dem sogenannten Großen Vaterländischen Krieg seit 1945 gebildet hat. Der Mythos vom Dritten Rom gibt der russischen Zivilisation exklusive Rechte. Und da ist auch der Mythos vom gemeinsamen Ursprung in der Kiewer Rus und dem moskowitischen, also großrussischen Volk, das als einziges staatsfähig, staatstragend und staatstradierend war und daher in dieser Brüderlichkeit das unumstrittene Recht auf die Rolle des großen Bruders hat.

Der größte Mythenschöpfer ist derzeit Putin selbst, an dem die europäische Aufklärung völlig vorbeigegangen zu sein scheint, und der sich nun schon mit Peter dem Großen vergleicht. Dagegen dürften seine Soldaten in der Ukraine weniger Mythen von Rußlands Größe folgen, sondern in der Brutalität handeln, die sie in den heruntergekommenen Landstrichen fern der Stadtbevölkerung von Sankt Petersburg oder Moskau gewöhnt sind, und daher werden viele so brutal gewalttätig, wie sie es auch früher gewesen sind.



per Mail verlinken

Blog 37 03-07-22: Die Eurozone ächzt unter der Inflation: 8,6 %, 8,9 % für Nahrungsmittel




Nach den neuesten Zahlen ist die Inflationsrate in der Eurozone ungebrochen weiter angestiegen: von 0 % vor einem Jahr auf jetzt schon 8,6 %, und kein Ende ist in Sicht (Abb. 23409, 23453). Die EZE war und ist der Hauptreiber der Inflation, indem sie die Eurozone mit einer Sintflut an Liquidität von der elektronischen Notenpresse geflutet hat, der keine entsprechende Wirtschaftsleistung gegenüberstand: für jeden Bürger der Eurozone umgerechnet mehr als 25.000 EUR.

Wenn in Deutschland Tankrabatt und 9-Euro-Ticket auslaufen und demnächst die Gaspreise kräftig steigen, wird es einen besonders starken Inflationssprung geben.

Doch der Haushaltsentwurf für 2023 trägt klar die Handschrift von Lindner. Die staatlichen Ausgaben sollen um etwas über 10 % fallen. Dabei dürfte Lindner auch bei den Sozialausgaben bremsen. So sollen die Leistungen an die Rentenversicherung, die wegen der starken Alterung der Bevölkerung notwendig werden, nur noch um knapp 2 % steigen, während sie für 2022 noch um 4,3 % gestiegen sind. Die Sozialausgaben insgesamt dürften kaum mehr steigen, obwohl die sozialen Nöte mit der hohen Inflation stark zunehmen werden.



per Mail verlinken

Blog 36 01-07-22: Wieviel Power haben die Notenbanken noch in der Bekämpfung der Inflation?



Die Inflation wüted fast überall in Rekordhöhen. In Deutschland ist die Rate für Juni zwar von 7,9 % auf 7,6 % zurückgegangen, was auf Tankrabatt und 9-Euro-Ticket zurückzuführen ist, dabei ist aber die Rate für Nahrungsmittel von 11,1 % auf 12,7 % weiter stark angestiegen (Abb. 21230). Die Notenbanken werden jetzt bei drohender Stagflation höllisch aufpassen, daß mit höheren Zinsen im Kampf gegen die Inflation nicht zu viele Schuldner den Bach hinuntergehen, nachdem sie von den Notbanken mit Niedrigstzinsen in die hohe und leichtsinnige Verschuldung verführt wurden. So ist die Verschuldung der Welt immer weiter auf fast 300 Billionen US$ angestiegen, allein seit 2014 ein Anstieg um 36 % (Abb. 23452). Der deutsche Aktienindex ist seit einem Jahr schon um 18 % gefallen und sendet deutliche Warnsignale aus.

Sollten aber die Notenbanken vor weiteren Zinsanhebungen zurückschrecken, würde die Inflation umso mehr auf hohem Niveau bleiben und vor allem die treffen, die sich nicht verschuldet haben, aber für ihr Alter und andere Bedürfnisse sparen müssen. Man muß befürchten, daß sich die EZB wie bisher auch weiterhin wenig um deren Probleme kümmert, sondern nur auf die stark verschuldeten Länder um das Mittelmeer achtet.



per Mail verlinken

Blog 35 29-06-22: "Scholz-Bonus" - und wieder versagt sein soziales Gewissen


Scholz hofft, die Gewerkschaften von hohen Lohnforderungen abhalten zu können, indem er bei tariflichen Einmalzahlungen der Arbeitgeber auf die Steuer verzichtet, wenn die Gewerkschaften im Gegenzug nur niedrige Tarifabschlüsse anstreben. Darauf werden sich schon die Gewerkschaften nicht einlassen.

Schlimmer aber ist, daß wieder einmal Scholz kein soziales Gewissen zeigt, das ihm schon als SPD-Generalsekretär unter Schröder mit den auch von ihm betriebenen unseligen Hartz-Gesetzen verloren gegangen ist. Er vergißt nämlich bewußt, daß den andauernden negativen Auswirkungen der hohen Inflationsrate nicht mit einer Einmalzahlung beizukommen ist. Und er vergißt, daß die Branchentarifbindung der Unternehmen auf nur noch 43 % abgesunken ist und nur die dort Beschäftigten noch von Tarifverträgen erreicht werden. Außerdem vergißt der die Hälfte der Bevölkerung, die nicht zu den Arbeitnehmern zählt, darunter vor allem die Renter/innen, die noch nicht berufstätigen Jüngeren und Freiberufler. Sein Vorschlag kann also nur etwa 21 % der Menschen in Deutschland erreichen (Abb. 23451), und nur die kämen in den Vorteil eines Steuerverzichts und einer Einmalzahlung. Die übrigen 79 % vergißt er schlicht. Weit vernünftiger wäre eine allgemeine Senkung von Umsatz- und Einkommenssteuern, deren Einkommen wegen der Inflation ständig steigt.

Das erinnert an die 300 EUR Zahlung des Bundes zum Ausgleich der höheren Energiepreise, von der Scholz und seine Regierung die Rentner, die eigentlich wegen der hier relativ stark verbreiteten Armut besonders unterstützungsbedürftig sind, einfach ausgeschlossen haben.



per Mail verlinken

Blog 34 29-06-22: Die Moderne ist zu einem Pfuhl staatlich lizensierten Mordens verkommen


Ob Putin in Rußland oder Xi in China, deren Mörder verstehen ihr staatlich verordnetes Morden und Quälen im Mega-Stil. Schlimmer noch: Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt unter Regimen, die sich von diesem Morden oder Quälen nicht distanzieren wollen und es damit praktisch unterstützen. Von Indien über Indonesien, Südafrika bis zur Türkei machen sich gewissenslose Regierungen kritiklos mitschuldig. Putin, der grausame Obermörder dieser Tage und einer der schlimmsten der Weltgeschichte, kann getrost zum G20-Gipfel der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer der Welt nach Indonesien reisen, weil eine Mehrheit dort ihm keine Vorwürfe machen und China an seiner Seite stehen wird.

Nie war die Moderne um den Globus herum in einem so prekären Zustand. Nur noch knapp 20 % von 176 Ländern, die in der Demokratiematrix der Universität Würzburg erfaßt sind, können als funktionierende Demokratien eingestuft werden und mit 35 % gelten fast doppelt so viele als Autokratien, mehr als ein Drittel davon als "harte" Autokratien (Abb. 23445).



per Mail verlinken

Blog .. 03-09-20: Deutsche Unternehmen in Steueroasen: bis zu 37 Mio. Eigenkapital pro dort Beschäftigten


In 10 von dem Statistischen Bundesamt erfaßt Steueroasen haben deutsche Unternehmen hohe Millionen-Beträge an Eigenkapital für jeden dort von ihnen Beschäftigten angelegt (Abb. 23450). Es sind also meist Briefkastenfirmen zur Steuerhinterziehung. Die Bundesregierung kann nicht oder will nicht dagegen vorgehen.

Multinational tätige Unternehmen erstellen länderbezogene Berichte für die Finanzbehörden, die diese nutzen, um grenzüberschreitende Konzernstrukturen zu prüfen. Die Erstellung länderbezogener Berichte geht auf die Ende 2015 von der OECD veröffentlichten Ergebnisse des Projekts "Base Erosion and Profit Shifting" (BEPS) zurück, welches ein Maßnahmenpaket gegen Gewinnkürzungen und -verlagerungen vorschlägt. Für die Statistik zu den länderbezogenen Berichten multinationaler Unternehmensgruppen werden die Angaben nach § 138a Abs. 2 Abgabenordnung erfasst. Die Aufbereitung dieser Angaben wird zentral vom Statistischen Bundesamt durchgeführt.



per Mail verlinken

Blog 32 28-06-22: Putin wird diesen Krieg gewinnen, aber er wird im Konflikt mit dem Westen langfristig verlieren




Der Winterpalast - Prachtstück europäischer Kultur

Wenn Putin seine ganze Kriegsmaschine auf die Ukraine konzentriert und das Land immer mehr verwüstet, wird er einen Waffenstillstand zu seinen Gunsten erzwingen können, zumal auch in der Ukraine der Widerstand gegen eine Fortführung des Krieges mit hohen Verlusten an Menschenleben wächst. Westliche Waffenlieferungen werden das nicht verhindern können. Putin wird auch gegenüber den westlichen Wirtschafts-Sanktionen gewinnen, weil die Rückwirkungen, mit der Energieversorgung (Abb.) und den inflationären Wirkungen des Krieges angefangen, große Teile der westlichen, auch der deutschen Bevölkerung zermürben werden und weil andererseits Rußland als undemokratisches Land mit harten Zeiten (und von Chinas unterstützt) weit besser klarkommen wird, und zudem weiterhin hohe Einnahmen aus Energieexporten erzielt. Das ist eine für die Gegner Putins traurige, aber doch ehrliche Bilanz. Die hier nur angedeuteten Entwicklungen werden nicht lange auf sich warten lassen. Ein G7-Gipfel wird sie nicht verhindern.

Putin macht allerdings einen Fehler, der sich längerfristig bitter rächen wird. Sein Land ist immer groß gewesen, wenn es sich zu Europa und seiner Kultur bekannt hat und Teil davon war. Es hat immer vom kulturellen Austausch mit W-Europa gelebt. Peter der Große, auf den sich jetzt Putin beruft, war ein Reformer, der sich kulturell an westmitteleuropäischen Zuständen orientierte. Für seine neue Hauptstadt Sankt Petersburg ließ er Handwerker und Ingenieure aus ganz Europa, insbesondere aus Deutschland und den Niederlanden, kommen, die die neue Hauptstadt von Anfang an zu einem Zentrum europäischer Technik und Wissenschaft machen sollten (Abb.). Auch heute schaut Rußlands Intelligenzia nach Europa, nicht nach China. Putin läuft daher Gefahr, mental oder auch physisch erhebliche Teile der russischen Intelligenzia zu verlieren, so wie es einst der DDR ergangen ist. Schon jetzt ist Rußland technologisch, vom Rüstungsbereich abgesehen, absolut rückständig. Der Wirtschaftsaustausch konzentriert sich, neben Rüstungsgütern, auf Rohstoffe der verschiedensten Arten. Auch Rußlands noch florierender Energieexport wird leiden, je mehr sich die Welt wegen der Erderwärmung von konventionellen Energieträgern wird verabschieden müssen. Der Ukrainekrieg wird diese Entwicklung noch beschleunigen, weil bestehende Abhängigkeiten von Rußland immer weiter zurückgebaut werden.

Um diese Gefahr für Rußland zu begrenzen, wird Putin (oder sein Nachfolger) längerfristig einlenken müssen. Auch wird der Druck im Lande wachsen, der ihn zum Einlenken zwingen kann. Allein der enorme Verlust an russischen Menschenleben im Krieg gegen die Ukraine (nach nicht überprüfbaren ukrainischen Angaben schon 35.000), wird lange Nachwirkungen haben, je mehr sich die Bevölkerung dessen bewußt wird. Russische Mütter trauern um verlorene Söhne nicht anders als ukrainische, und um Söhne, die von Putin ins Militär und seine "militärische Spezialoperation" gezwungen oder mit Geld verführt wurden, mit besonderer Bitterkeit.



per Mail verlinken

Blog 31 27-06-26: Der Staat als Inflationsgewinner - Doch kein Mitleid mit den Armen



Der Staat gewinnt an mehreren Fronten mit der hohen Inflation. Das Aufkommen aus der Umsatzsteuer steigt entsprechend: nach der Steuerschätzung in 2021 und 2022 um 14,3 und 12,9 % (Abb. 23448). Wenn mit der nun zu erwartenden Lohn-Preis-Spirale die Arbeitseinkommen steigen, ist der Staat wieder unter den Gewinnern und erwartet für dieses Jahr einen Anstieg des Einkommens aus der Lohnsteuer um 8,1 % und im folgenden Jahr noch einmal um fast 7 % (Abb. 23449). Überhaupt tragen sich die hohen Schulden mit der Geldentwertung entsprechend ab. Wer als Staat so viel gewinnt, sollte mindestens den sozial benachteiligten Bürgern einen Ausgleich geben. Doch das tut er unter dem FDP-Finanzminister bisher nicht, abgesehen von den einmaligen 300 EUR, die Lindner allerdings den Rentnern verweigert, unter den besonders viele Arme sind und die von der Inflation besonders betroffen sind, weil sie einen besonders hohen Anteil ihres Einkommens auf den Lebensunterhalt ausgeben müssen. Leider plant nun auch Scholz einen von ihm vorgeschlagenen Zuschuß der Arbeitgeber steuerfrei zu machen, obwohl davon die nicht tarifvertragsgebundenen Arbeitnehmer und die Rentner ausgeschlossen wären, also auch das sozial ungerecht.

Mit solcher sozialer Sauerei zerstört sich die Demokratie selbst.



per Mail verlinken

Blog 30 26-06-22: Deutschlands Weg in den Pflegenotstand betrifft uns alle




Die meisten von uns werden einmal auf Pflege angewiesen sein. Fast ein Viertel der Bevölkerung sind schon über 65 Jahre alt, und in 2050 werden es etwa ein Drittel sein. Deutschland hat einen der höchsten Anteile an Menschen über 65 Jahre (Abb. 20931). Mit 65 Jahren sind natürlich noch wenige der Rentner und Pensionäre pflegebedürftig.

Doch für die Zukunft wird ein starker Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen um 50 % von 4 Mio. 2020 auf fast 6 Mio. 2050 erwartet, was mit dem starken demografischen Alterungsprozeß zusammenhängt. Dabei hat Deutschland im internationalen Vergleich schon jetzt viel zu wenig Langzeit-Pflegepersonal für diese Altersgruppe (Abb. 20056) und gibt auch viel zu wenig Geld dafür aus, vor allem im Vergleich zu den skandinavischen Ländern und vielen anderen (Abb. 20929). Im Vergleich zu den skandinavischen Ländern müßte Deutschland mehr als doppelt so viel Personal haben und fast doppelt so viel an Finanzmitteln für die Langzeitpflege derer von 65 Jahren und älter aufwenden. Schon dieses Minus ist ein sozialer Skandal auf dem Rücken der alten und gesundheitlich angeschlagenen und oft von Armut geplagten Menschen.

Ein besonders häufiger Zugang zur Pflegebedürftigkeit kommt über Demenz, Parkinson oder Schlaganfall. In Deutschland gelten heute schon etwa 1,7 Millionen Menschen als demenzkrank; ungefähr zwei Drittel davon haben Alzheimer, die häufigste Form der Demenz. Nach einer Studie des University Medical Center Rotterdam von 2018 erkrankt die Hälfte aller Frauen und ein Drittel aller Männer über 45 Jahre irgendwann an Demenz, Parkinson oder Schlaganfall.

Der Personalmangel führt derzeit dazu, daß Anforderungen an die persönliche Qualifikation von Bewerbern immer weiter heruntergeschraubt werden. Das geht aber nur, weil Behörden und Verbände immer großzügiger bei der Anerkennung von Abschlüssen vorgehen. Allein 2019 wurden 15.500 im Ausland erworbene Examina akzeptiert. Die selbst zu tragenden Pflegkosten steigen und bringen viele Menschen und ihre Angehörigen in Not. Von 1998 bis 2020 hat sich die Zahl der Empfänger/innen von Hilfe zur Pflege um mehr als ein Drittel auf über 400.000 erhöht.

Viele Pflegeheime in Deutschland sind in der Hand von privaten Investoren (statt der Gemeinden) - und haben dann besonders hohe Kosten für die Bewohner. Daß es so weit kommen konnte, hält Gesundheitsminister Lauterbach für ein Versagen der Politik: "Wir wissen gar nicht genau, wem gehören diese Pflegeeinrichtungen überhaupt, wer macht mit diesen Pflegeeinrichtungen überhaupt im Moment Gewinn". Laut Statistischem Bundesamt gab es 2019 in Deutschland 15.380 Pflegeheime mit 969.553 Plätzen. Davon waren 6.570 oder 43 % der Heime in privater Trägerschaft, doppelt so viele wie vor 20 Jahren.

Die Übernahme durch Investoren hat nach einer Studie der Heinrich-Böll-Stiftung oft zur Folge, daß die Schuldenlast der Pflegeanbieter nach einer Übernahme steigt, schon weil die neuen Eigentümer die Kosten für die Übernahme den Betreibern aufbürden. Zudem würden die Unternehmen gezwungen, eigene Immobilien zu verkaufen, worauf sie diese teuer mieten müssten. Pflegeheime sind für die privaten Geldgeber ein lukratives Investment, denn die durchschnittliche Netto-Umsatz-Rendite eines Heims liegt bei 3 %. Im ersten Quartal 2021 lagen die mit Pflegeheim-Transaktionen erzielten Spitzenrenditen bei 4 %, das vergleicht sich mit nur 2,85 % durchschnittlicher Spitzenrendite für Büroimmobilien in den Top-7-Großstädten. Nach einer neuen Studie braucht Deutschland bis zum Ende dieses Jahrzehnts jährlich zwischen 210 und 390 zusätzliche Pflegeheime. Das große Interesse am Pflegemarkt spiegelt sich auch in den Bauaktivitäten. Für den Zeitraum November 2017 bis April dieses Jahres werden 210 aktuelle Pflegeheimprojekte gezählt, mit 16 564 Betten. In privater Hand sollen davon 63 % sein.

Bezeichnend ist die Situation bei "Alloheim", dem zweitgrößten Betreiber von Pflegeheimen. Das Unternehmen wurde 1973 von Alois Mollik gegründet. Heute hat es in Deutschland mehr als 155 Pflegeheime, 27 Einrichtungen mit betreutem Wohnen und 13 ambulante Pflegedienste mit insgesamt 19.700 Pflegebetten. 2008 wurde es in die "Alloheim Senioren-Residenzen GmbH" umgewandelt und erhielt 2008 mit dem Kauf durch den Private-Equity-Investor Star Capital Partners eine neue Trägerschaft. Das ist ein britischer Private-Equity-Investor mit Sitz in London, der nach eigenen Angaben ein Vermögen von mehr als einer Milliarde Euro verwaltet. Fünf Jahre später wurde Alloheim an den US-Finanzinvestor Carlyle mit Sitz in Washington weiterverkauft, eine der größten privaten Beteiligungsgesellschaften weltweit, der 293 Milliarden US-Dollar in 433 Fonds und Dachfonds verwaltet und weltweit rund 1800 Angestellte in 26 Büros beschäftigt. Im Ergebnis stiegen die Mietkosten bei Alloheim allein von 2018 bis 2019 um rund 50 Prozent.

Besonders schlimm: Nur sechs Bundesländer informieren über Qualität von Pflegeheimen. Bezeichnend auch: Es gab rund 30.000 Corona-Tote in Pflegeheimen. Das heißt: Etwa jeder Dritte der bislang mehr als 90.000 Menschen, die an Corona oder mit einer Infektion starben, war Bewohner eines Heims. Mitverantwortlich ist die Bundesregierung, die es nicht geschafft hatte, rechtzeitig eine Impfpflicht für das Pflegepersonal durchzusetzen. Die jetzt beschlossene sieht den Nachweis der Impfung erst ab zum 15. März 2022 vor. Doch das Gesetz wird trotz hoher Zahlen an ungeimpftem Pflegepersonal nicht mit Strafen durchgesetzt.



per Mail verlinken

Blog 29 24-06-22: Und nun auch noch der Fachkräftemangel





Es sollte niemanden überraschen, wenn jetzt der deutschen Wirtschaft auch noch ein schwerer Fachkräftemangel droht, der kosten- und damit inflationstreibend wirken wird. Davon sind so gut wie alle Branchen betroffen.

Der Hauptgrund ist demographisch: Die großen Generationen der Babyboomer scheiden aus dem Arbeitsmarkt aus und der Zustrom jüngerer Arbeitskräfte wird durch die in Deutschland relativ niedrige Zahl an Kindern pro Frau gedrückt. Der geburtenstärkste Jahrgang von1964 mit knapp 1,4 Millionen Menschen geht überwiegend in 2031 in die Rente. Der spätere Jahrgang von 2011 ist etwa nur knapp halb so groß.

In der Vorausberechnung des UN-Bevölkerungsprogramms zeichnet sich auch für die Zukunft ein weiterer erheblicher Rückgang ab: Dabei geht die Bevölkerung innerhalb von jeweils 5 Jahren von minus 1,7 % in 2015/20 auf minus 3,5 % in 2035/40 immer stärker zurück. Das vergleicht sich sehr ungünstig mit den Durchschnitten W-Europas (Abb. 23446). Gleichzeitig fällt der Anteil der Jüngeren bis 14 Jahren an den Älteren ab 65 Jahren immer weiter: von einst über 160 % 1970 über etwas über 60 % 2020 auf nur noch etwas über 40 % 2045 (Abb. 21180) und drückt so auch den Anteil an Facharbeitern an der Gesamtbevölkerung.

Das Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland würde nach Berechnungen des bundeseigenen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bis zum Jahr 2060 ohne jegliche Migration selbst dann kräftig schrumpfen, wenn Frauen und Ältere deutlich mehr arbeiten würden. Nur bei einer wenig wahrscheinlichen Nettozuwanderung von rund 400.000 Menschen im Jahr würde es gelingen, die Zahl konstant zu halten (Abb. 23447).

Doch das IAB hält langfristig eine Nettozuwanderung von nur rund 100.000 Menschen im Jahr für realistisch - vor allem, weil aus EU-Ländern wie Polen und Spanien inzwischen viel weniger Menschen kommen und die Zuwanderung aus Drittstaaten den Rückgang bisher bei Weitem nicht kompensiert. Eine ziemlich ungünstige Alternative wäre allerdings, deutlich schlechtere ausländische Bildungssysteme als gleichwertig zu akzeptieren.

Der Facharbeitermangel wird außerdem noch durch Schwächen im deutschen Bildungssystem angeschoben. So hat die Zahl der Schüler an berufsbildenden Schulen zwischen 2010 und 2020 um 12 % abgenommen, während die Zahl der Studierenden um 33 % gestiegen ist. Bei niedrigem Bildungsabschluß der Eltern besuchen nur 18 % der Kinder unter drei Jahren die Kita, die für den Bildungsprozeß so enorm wichtig ist, während es bei hohem Bildungsabschluß der Eltern 38 % sind. Die Lesekompetenz ist nach den IGLU-Studien bei Kindern von Eltern aus der "oberen Dienstklasse" wesentlich höher als bei Kindern un- und angelernter Arbeiter (Abb. 21279). Alle Schulen leiden unter einem starken Lehrer/innenmangel.



per Mail verlinken

Blog 28 22-06-22: Im Zeitalter des Populismus


In Frankreich haben nun die populistischen Parteien an den rechten und linken Rändern mit 48,9 % mehr Stimmen gewonnen als die Mitte. In Italien wird erst im kommenden Frühjahr wieder gewählt, doch auch dort verzeichnen in Umfragen die beiden populistischen Parteien rechts der Mitte mehr als 40 %. Osteuropa, vor allem Ungarn, ist voller Populisten, die das Blaue vom Himmel versprechen. In USA hat Trump immer noch Chancen auf Rückkehr, zumal seine Republikaner gerade die Lüge von der gestohlenen Wahl in ihr Programm geschrieben haben. Mit der überall stark steigenden Inflation hat der Populismus eine zusätzliche starke Schubkraft bekommen. Außerdem bewundern große Teile der Populisten die autoritären Führer, wie Putin, Xi, Erdogan und Bolsonaro, und sonnen sich in deren Glanz.

Es wird schwer für die Demokratie, diesen Druck auszuhalten. Vor zwei Jahren schrieb ich einen Rundbrief unter dem Titel: "Krisen und die nicht standhaltende Mitte der Gesellschaft - The centre cannot hold." Darin zitierte ich Yeats' Gedicht "The Second Coming". Yeats gilt als einer der bedeutendsten englischsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und erhielt 1923 als erster Ire den Literaturnobelpreis. Er reagierte 1919 auf die Alarmsignale der blutigen irischen Bürgerkriege, des Ersten Weltkrieges, der Bolschewistischen Revolution und des faschistischen Aufstiegs in Europa. In seinem nun häufiger zitierten Gedicht heißt es gleich am Anfang: "Kreisend und kreisend im klaffenden Schlund hört der Falke seinen Falkner nicht. Alles fällt, entgleitet, keine Mitte hält". Besonders nach der Wahl von Trump in USA wurde "The Second Coming" häufig online gesucht und aufgeschlagen. Es wird bald wieder soweit sein können.

Nach dem Demokratie-Index der Universität Würzburg haben nur noch 35 Länder von 176 erfaßten Ländern, also etwas weniger als ein Fünftel, eine funktionierende Demokratie (Abb. 23445). Deutschland rangiert dort nach den skandinavischen Ländern auf Platz 5. Wir können von Glück reden, daß die Populisten der AfD sich bei uns selbst zerreißen und daß auf der anderen Seite die LINKE in die Bedeutungslosigkeit versinkt.



per Mail verlinken

Blog 27 21-06-20: Nun wird Frankreich ein noch teurer Partner




Nach dem Verlust der parlamentarischen Mehrheit ist Macron auf Zustimmung aus dem zerstrittenen rechts-konservativen Lager angewiesen. Vor allem die Republikaner werden ihm noch einiges heimzuzahlen haben, und alle potenziellen Partner werden sich mit seinen "Reformen" nicht unbeliebt machen wollen. Die Republikaner, zu denen er sich jetzt von allem für Hilfe im Parlament wenden wird, sind gerade rechts von Marine Le Pen's Partei überholt worden und werden entsprechend zurückhaltend sein. Christian Jakob ihr Vorsitzender erklärte bereits, seine Partei werde in die Opposition gehen.

Macrons parlamentarische Probleme werden sich vor allem für die von ihm für den Herbst geplante Anhebung des Rentenalters von 62 auf 65 Jahre zeigen. Dabei hat Frankreich heute mit durchschnittlich 60,8 Jahren eines der niedrigsten realen Renteneintrittsalter in W-Europa (Abb. 20821) und mit 62 Jahren auch eines der frühesten normalen Renteneintrittsalter (Abb. 23423).

Gelingt die Anhebung des Renteneintrittsalters nicht, so wird in Frankreich der Staat den Ausfall finanzieren müssen, was sehr teuer werden dürfte. Ohnehin ist das französische Staatsdefizit mit minus 6,5 % der Wirtschaftsleistung eines der höchsten in W-Europa (Abb. 19376). Macron wird sich also gegen die Wiederinkraftsetzung der Verschuldungsgrenzen in der Eurozone wehren und wahrscheinlich auf mehr Finanzierung durch die EU, wie über Eurobonds, drängen. Das kann für Deutschland sehr teuer werden.



per Mail verlinken

Blog 26 20-06-22: Von vielen Seiten droht jetzt eine Rezession




Die deutsche Wirtschaft tut sich derzeit schwer. Die Globalisierung, von der sie so sehr profitiert hat, geht seit 2008 zurück (Abb. 23443). Die deutsche Industrieproduktion hatte ihren Gipfel schon vor 4 Jahren (Abb. 23444). Der deutsche Aktienindex hat in diesem Jahr schon mehr als 17 % verloren. Steigende Inflation lastet auf den Verbrauchern. Energiepreise sind besonders stark gestiegen. Lieferketten sind zerrissen. China hat wegen der Pandemie immer wieder wichtige Exporthäfen geschlossen. In diesem Jahr ist noch Putins Ukrainekrieg hinzugekommen.



per Mail verlinken

Blog 25 18-06-22: Die EZB denkt nur an Italien und vergißt Deutschland





Nun könnte es wieder einmal heißen, für Italien zu zahlen. Denn die EZB bereitet ein spezielles Instrument vor, mit dem sie nur Anleihen schwacher Euro-Länder, und das ist besonders Italien, kaufen und so den Zins für italienische Staatsanleihen gegen die Einschätzung des Marktes künstlich niedrig halten will (Abb.). Bei der letzten Euro-Krise hatte Draghi, damaliger Vorsitzender der EZB, noch Anleihekäufe aller Euroländer als Abwehrinstrument gegen unruhige Märkte eingeführt. Im Ergebnis hat die EZB ihre Bilanz in nur zwei Jahren auf 8,8 Billionen EUR oder das Zweieinhalbfache der jährlichen deutschen Wirtschaftsleistung fast verdoppelt (Abb. 16572) und damit die Inflation gewaltig und unverantwortlich angeheizt.

Die einseitige Orientierung eines neuen Instruments auf schwache Euroländer kommt nun noch näher an die eigentlich der EZB verbotene Staatsfinanzierung. Das gilt erst recht, falls es sich - wie bisher durchgesickert ist - um eine Art "OMT light" (Outright Monetary Transaction) handeln sollte, bei der anders als früher keine einschränkenden wirtschaftspolitischen Sanktionen für diese Länder (wie die Auflage von Reformprogrammen) vorgesehen würden.

Außerdem würde ein solches Instrument Italien erlauben, seine Staatsschulden zu niedrigeren als den Marktzinsen noch weiter hochzufahren und damit die nächste Eurokrise vorzuprogrammieren. Deutschland müßte dann bei einer Krise mit Haushaltsmitteln helfen wie einst bei Griechenland oder Verluste der EZB aus den angebrannten Anleihekäufen mitfinanzieren, weil die EZB dann keine Gewinne mehr an die Euroländer abführen könnte. Italien ist schon längst das Euroland mit den bei weitem höchsten Schulden von 2,8 Billionen EUR und 151 % seiner Wirtschaftsleistung (Abb. 20502). Das Risiko ist umso größer, als Italiens Wirtschaftsentwicklung hinter der der Eurozone zurückbleibt (Abb. 23442) und völlig unklar ist, wer Draghi im kommenden Frühjahr als Regierungschef folgen wird, wofür vor allem Rechts-Populisten, deren Parteien nach Umfragen bei über 40 % liegen und von denen keine seriöse Wirtschafts- und Finanzpolitik zu erwarten wäre, bereitstehen.



per Mail verlinken

Blog 24 15-06-22: Der Ukraine-Krieg und seine Lügen von beiden Seiten






Putin streut ständig Lügen zur Ukraine, auf die ich hier nicht eingehen muß. Aber auch westliche Regierungen und Medien verbreiten Lügen. Vor allem wird immer wieder behauptet, allein der Ukraine-Krieg sei an der Inflation schuld. Das kommt bei vielen Menschen, die sich wegen der Inflation besorgen, gut an und macht sie kriegsmüde, was dann wieder Putin in die Arme arbeitet.

Der European Council on Foreign Relations (ECFR) hat jetzt eine Umfrage veröffentlicht. Danach wollen Mehrheiten ein schnelles Ende des Krieges und weit weniger Befragte eine Niederlage Rußlands. Der Hauptgrund bei über 60 % der Befragten ist die zunehmende Inflation, die offensichtlich nur mit dem Krieg in der Ukraine zusammengebracht wird, dicht danach folgt die Angst vor einem russischen Einsatz von Nuklearwaffen, genau die von Putin geschürte Angst. Nach Italien ist in Deutschland das Lager, das ein schnelles Ende des Ukraine-Krieg ohne einen Sieg der Ukraine und bei ukrainischen Gebietsverlusten wünscht, mit fast 50 % (gegen 19 % für einen Sieg der Ukraine) am größten.

Die Inflation nur auf den Ukraine-Krieg zurückzuführen, ist eine böse Lüge. Denn die Inflation steigt im steilen Winkel schon seit Ende 2020 (Abb. 23439), also vor 1 ½ Jahren, während der Angriff Putins auf die Ukraine erst am 24. Februar 2022 und damit weit mehr als ein Jahr später begann. Ebenso stieg der Brent-Öl-Preis bereits seit Mitte 2020 ständig an. Solche Lügen verbreitete auch die EZB, indem sie keine eigene Verantwortung für die lange anlaufende Inflation akzeptiert hat, sondern lange die Ansicht vertrat, daß sie gegenüber auswärtigen Entwicklungen und hier besonders der Krieg in der Ukraine ohnmächtig sei. So erklärte EZB-Chefin Lagarde, die russische Invasion in die Ukraine werde erhebliche Auswirkungen auf die Inflation haben. Tatsächlich aber heizte gerade die EZB die Inflation mit ihrer ungebrochenen Politik des billigen Geldes an und trieb ihre Bilanz immer weiter in die Höhe (Abb. 23440). Aber auch Politiker und Medien aus Deutschland versuchen, die Inflation vor allem am Krieg in der Ukraine festzumachen. Kein Wunder dann, daß die Menschen, wie die Umfrage zeigt, kriegsmüde geworden sind.

Und natürlich argumentiert auch Putin mit dieser Lüge, indem er öffentlich die Sanktionen gegen Rußland nach dem Angriff auf die Ukraine mit der globalen Inflation verbindet.



per Mail verlinken

Blog 23, 15-06-22: Drei Viertel der Deutschen verliert im Verteilungskampf ohne Schutz durch Gewerkschaften


Von den in Deutschland lebenden Menschen sind nur die Hälfte Arbeitnehmer. Doch deren Schutz durch Gewerkschaften ist immer weiter zurückgegangen. Denn die Branchentarifbindung der Unternehmen ist in W-Deutschland von einst 70 % Mitte der neunziger Jahre auf nur noch 45 % abgesunken, in O-Deutschland sogar auf 32 %; insgesamt sind es nur noch 43 % (Abb. 19969). Also dürften nur etwa 22 % der Menschen in Deutschland unter dem Schutz von Tarifverträgen und Gewerkschaften leben.

Wenn jetzt die Gewerkschaften hohe Lohnforderungen durchsetzen, in der Stahlindustrie sind es z.B. 6,5 %, heizt das natürlich die ohnehin sehr hohe Inflation von zuletzt 7,9 % weiter an. Doch was geschieht mit den mehr als drei Vierteln der Menschen, die keine Gewerkschaften hinter sich haben und nun auch noch Opfer einer Lohn-Preis-Spirale werden? Was mit den Rentnern, deren Renten nur mit Verspätung und nur an das allgemeine Lohnniveau und nicht an die Lohnabschlüsse der Gewerkschaften angepaßt werden?



per Mail verlinken

Blog zur Aktualisierung von Texten/Grafiken in meinem Buch 14-06-22: 22. Klimawandel und das Ende der Zivilisation?



Ein Eisbär springt in der kanadischen Meerenge Lancastersund von einer Eisscholle zur anderen


In der Auflistung der Apokalypsen frei nach Albrecht Dürers vier apokalyptischen Reitern, die ich in den Titel meines letzten Buches übernommen habe, fehlten zwei, die zwar zu den absolut schlimmsten gehören, aber allseits so bekannt und gefürchtet sind, daß ich darauf nicht besonders eingehen wollte. Der Krieg in der Ukraine ist leider zum "Dauerbrenner" in allen Schlagzeilen geworden. Die andere und längerfristig bedrohlichste Apokalypse hängt mit dem fortschreitenden Klimawandel zusammen.

In der letzten online-Ausgabe der "ZEIT" befindet sich ein lesenswerter Artikel mit einem Interview, das mit Gavin Schmidt geführt wurde. Schmidt leitet als Klimatologe das Nasa Goddard Institute for Space Studies. Seine überraschende Antwort auf die Frage nach der größten Bedrohung durch den Klimawandel: "Heute denke ich, daß die größte Bedrohung nicht auf der physikalischen Ebene liegt. Sondern darin, wie unsere Gesellschaft reagiert. Wenn sie überstrapaziert wird, geschehen grauenvolle Dinge." Als ein Beispiel nannte er das Verhalten nach dem Hurrikan Katrina. Da hätten sich die Leute in New Orleans bewaffnet und seien aufeinander losgegangen. In einem Altenheim hätten Pfleger Bewohner getötet, weil sie die Leute nicht rechtzeitig evakuieren konnten. In unserer Gesellschaft baue alles aufeinander auf. Jede Störung hätte eine Kaskade von Folgen.

Schmidt befürchtet als Folge des Klimawandels den Zusammenbruch der Zivilisation: "Wenn in einer Stadt etwas passiert, können die Leute in die nächste Stadt gehen und bekommen eine Unterkunft und etwas zu essen. Wenn aber viele Orte von unterschiedlichen Problemen gleichzeitig betroffen sind, funktioniert das nicht mehr. Dann ist jeder nur noch mit sich selbst beschäftigt. Leider hat der Klimawandel genau diese Dynamik, vieles geschieht vielerorts gleichzeitig."

Und auf die Frage "Haben wir noch eine Chance, die Katastrophe abzuwenden?" sagt er: "Der Nobelpreisträger Sherwood Rowland fragte einmal: Was nützt es uns, eine Wissenschaft entwickelt zu haben, die Vorhersagen machen kann, wenn wir nur rumsitzen und warten, bis sie wahr werden? Das Schlimmste können wir vielleicht noch verhindern. Dennoch werden wir Konsequenzen spüren und uns anpassen müssen. Menschen werden leiden."

Dieses Zerreißen der Zivilisation und damit der Gesellschaft erleben wir derzeit auf kleinerem Niveau mit den Folgen der Inflation, besonders dem dadurch ausgelösten Verteilungskampf, in dem z.B. die FDP alte Menschen von der 300 EUR Entlastung ausschließt und sich damit in der Ampel durchsetzt, zumal Rentner meist nicht FDP wählen. Da geht jedenfalls eine Kultur kaputt, in der gerade alte Menschen nicht diskrimiert wurden.



per Mail verlinken

Blog zur Aktualisierung von Texten/Grafiken in meinem Buch 13-06-22: 21. Immer mehr Migranten aus Syrien ohne Asylrecht bekommen jetzt die deutsche Staatsbürgerschaft


Der Anstieg der Einbürgerungen um 20 % in 2021 gegenüber Vorjahr ist gut zur Hälfte auf die hohe Zahl der Einbürgerungen von Syrern zurückzuführen: Im Jahr 2021 wurden 19.100 syrische Staatsangehörige eingebürgert, fast dreimal so viele wie im Jahr zuvor. Die hohe Zahl steht im Zusammenhang mit der Zuwanderung von syrischen Schutzsuchenden in den Jahren 2014 bis 2016, die mittlerweile immer häufiger die Voraussetzungen für eine Einbürgerung erfüllen. Hierzu zählen unter anderem ausreichende Sprachkenntnisse, ein gesicherter Lebensunterhalt und in der Regel auch eine Mindestaufenthaltsdauer von acht Jahren.

Die große Mehrheit (81 %) der 2021 eingebürgerten Syrerinnen und Syrer hielt sich allerdings noch keine acht Jahre in Deutschland auf. Durchschnittlich betrug die Aufenthaltsdauer 6,5 Jahre. Wer sich bereits nach sechs Jahren Aufenthalt einbürgern lassen möchte, kann dies über besondere Integrationsleistungen erreichen. Hierzu zählen beispielsweise besonders gute Sprachkenntnisse, schulische oder berufliche Leistungen aber auch bürgerschaftliches Engagement. Familienmitglieder können in diesen Fällen ohne Mindestaufenthaltsdauer miteingebürgert werden. Mit insgesamt knapp 12.400 Fällen markiert 2021 den bisherigen Höchststand an vorzeitigen Einbürgerungen wegen besonderer Integrationsleistungen. Darunter machten 5.400 Syrerinnen und Syrer (43 %) die am häufigsten vertretene Staatsangehörigkeit aus.

Ob es wirklich berufliche Leistungen sind, die zur Einbürgerung führen, kann bezweifelt werden, da immer noch 60 % der Syrer von öffentlicher Unterstützung leben (Abb. 20860). Man hat eher den Eindruck, daß hier eine Vorzugsbehandlung von Syrern stattfindet, die - obwohl meist Wirtschaftsflüchtige ohne Asylrecht - nach Einbürgerung nicht mehr abgeschoben werden können, selbst wenn sie straffällig werden (was nicht selten der Fall ist). Hier zahlt sich nach vielen Jahren nun Merkels besonders großzügige Behandlung der Syrer aus, die meist aus sicheren Lagern in der Türkei oder im Libanon kamen und deshalb kein Asylrecht bekamen, aber auch nicht abgeschoben wurden. So erhielten 2017 nur 35 % Asyl nach Grundgesetz oder Genfer Flüchtlingskonvention.


per Mail verlinken

Blog zur Aktualisierung von Texten/Grafiken in meinem Buch 10-06-22: 20. Wie die EZB die deutsche Gesellschaft in dem Verteilungskampf über Glasscherben treibt





Die EZB hat Deutschland und vor allem den deutschen Sparern und Verbrauchern mit ihrer die Inflation anheizenden Zinspolitik seit vielen Jahren nur geschadet. Seit nun schon 13 Jahren ist der EZB-Zins für Deutschland real - also nach Abzug der Inflation - negativ, zuletzt im Mai mit minus 7,9 % (Abb. 19675) und heizt damit die Inflation an. Da ist die jetzt geplante Zinsanhebung um 0,25 % geradezu lächerlich. War die DM einst eine solide Währung mit einer durchschnittlichen Zinsrate von 2,4 % (Abb. 21286), so ist es der Euro, wo der Nominalzins seit 8 Jahren bei 0 % liegt, längst nicht mehr. Die reale Rendite auf eine 10-Jahres-Bundesanleihe mehr als halbierte sich von der DM zum Euro und fiel für die letzten 5 Jahre sogar auf minus 1,7 % - ein realer Verlust gegenüber DM-Zeiten von 5,5 Prozentpunkte pro Jahr (Abb. 23437). So wurden die deutschen Sparer im Euro-Korsett von der EZB abgestraft. Kohls Behauptung vor der Einführung, das sei ein "Jahrhundertereignis" und "kein Husarenstück", denn kaum eine Entscheidung sei so intensiv diskutiert worden wie die über die Währungsunion, stimmte nicht, zumal sich Kohl über jeden Widerstand aus der Fachwelt seinerzeit brutal hinwegsetzte.

Wer Anfang des letzten Jahres 100 Euro aufs Sparkonto gelegt hat, hat derzeit real nur noch knapp 90 Euro davon übrig und wird bei der derzeitigen Inflationsrate bis Ende kommenden Jahres fast ein Viertel verloren haben (Abb. 23436). Die Absicht der EZB war vielleicht nicht, dem deutschen Sparer zu schaden, aber dieser Schaden wurde und wird ganz bewußt in Kauf genommen, weil man den verschuldeten Regierungen und privaten Schuldnern in den Mittelmeerländern, vor allem Italien, helfen will. Denn niedrige Zinsen belasten dort diese Schuldner entsprechend weniger und deren Schuld baut sich auch noch im Tempo der Inflation real ab. Bei der Zinspolitik wurde der deutsche Vertreter im Vorstand der EZB, der Dank Helmut Kohl das gleiche Stimmrecht wie die kleine Insel Malta hat (!), regelmäßig überstimmt.

Die EZB hat zudem eine Lohn-Preis-Spirale in den gesunden Volkswirtschaften bewußt riskiert. Die zeigt sich jetzt in Deutschland mit den Forderungen der Gewerkschaften sehr deutlich. Schon das spaltet die Gesellschaft, da Rentner und viele andere Bevölkerungsschichten keine Gewerkschaften haben, die wenigstens teilweise die Inflation kompensieren könnten. Eine noch tiefer zerreißende Spaltung erzeugt die EZB kaltblütig, weil ärmere Bevölkerungsschichten von der Inflation weit stärker betroffen werden als wohlhabende, und weil wohlhabende mit dem Boom auf den Immobilienmärkten geradezu zu Krisengewinnern gemacht wurden. Man kann sagen, die EZB treibt die deutsche Gesellschaft in dem Verteilungskampf über Glasscherben.



per Mail verlinken

Blog zur Aktualisierung von Texten/Grafiken in meinem Buch 10-06-22: 19. Deutsches Privatvermögen erreicht Höchststand - Einer der Gründe: die Niedrigzinspolitik der EZB


Dank Börsenboom und vor allem anhaltendem Boom an dem Immobilienmarkt -beides auch eine Folge der Niedrigzinspolitik der EZB - stieg das deutsche Gesamtvermögen nach einer Analyse der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) im vergangenen Jahr um gut 10 % auf umgerechnet 20,2 Billionen Dollar. Dabei besitzen 3.100 Superreiche mit einem Finanzvermögen von jeweils mehr als 100 Millionen Dollar allein mehr als ein Fünftel.

Das Sachvermögen, das unter anderem aus Immobilien, Kunst oder Gold besteht, stieg um 11 % auf 13 Billionen Dollar. Sein Anteil am Gesamtvermögen beträgt 65 %. Vor allem Immobilien verzeichnen seit geraumer Zeit kräftige Wertzuwächse. Das private Finanzvermögen stieg um 8 % auf mehr als neun Billionen Dollar. Dazu zählen beispielsweise Bargeld, Kontoguthaben, Aktien, Anteile an Investmentfonds oder Ansprüche aus Pensionen und Lebensversicherungen.

Der Club der Superreichen wuchs im vergangenen Jahr weltweit um etwa 300 Mitglieder. Den Spitzenplatz belegten die USA mit 25.800 Superreichen, gefolgt von China mit 8.500 Mitgliedern des Clubs. Deutschland landete auf Rang drei. Weltweit hielten rund 69.000 Ultrareiche 15 % des investierbaren Finanzvermögens (Abb. 23435). Ihnen kann weder der Ukraine-Krieg, noch die Inflation etwas anhaben; vielleicht profitieren sie sogar noch davon. Mit einer Minizins-Erhöhung von nur 0,25 %, die nun für Juli erwartet wird, dürfte sich wenig an der Unterstützung der EZB für die Superreichen ändern, deren Immobilien weiter an Wert gewinnen werden und die weiter mit einem ihnen gewogenen Finanzmarkt rechnen können.

Dagegen verzichten nach einer neuen Umfrage in Deutschland wegen der gestiegenen Preise schon 16 % auf reguläre Mahlzeiten. Und weitere 13 % ziehen einen Verzicht in Betracht, wenn die Teuerung anhält. Unter allen Befragten kaufen der Erhebung zufolge 41 Prozent in günstigeren Supermärkten ein, während 42 Prozent etwa durch einen Verzicht auf Fleisch und Fisch sparsamer kochen.


Blog zur Aktualisierung von Texten/Grafiken in meinem Buch 03-09-20: 18. Merkel taucht wieder auf - Die Frau, die immer alles richtig gemacht haben will



In ihrem Interview im Berliner Ensemble meinte Merkel nun, ihr Herz habe immer für die Ukraine geschlagen. Ihre Politik gegenüber Putin sei nicht zu nachsichtig gewesen. Sie sehe nicht, daß sie da jetzt sagen müßte: "Das war falsch". Sie werde sich deshalb auch nicht entschuldigen. Kein Hauch von Reue also, und doch war Merkel die Bundeskanzlerin, die Putins Nord-Stream-2 Projekt gegen die Warnungen der USA, der Ukraine und aus der EU voranbetrieb, obwohl Putin damit die Ukraine umgehen und dieser das Druckmittel gegen Rußland nehmen wollte. Und sie war die Bundeskanzlerin, die mit dem Minsker-Abkommen die Ukraine bewegen wollte, auf ihr Land im Donbass zu verzichten. Immerhin hat ihr damaliger Außenminister Steinmeier die Größe gehabt, Fehler in der deutschen Ukraine-Politik einzuräumen. Warum hätte sie es nicht genauso machen können?

Ebenso sehr, wenn nicht noch mehr hätte sich Merkel für andere schwere Fehler ihrer 16 Jahre langen Politik entschuldigen müssen. Es war eine erdrückend lange Phase der angeblichen politischen Alternativlosigkeit und der Stagnation für die meisten von uns. Eines ist nicht zu bezweifeln: Die soziale Spaltung der Gesellschaft hat in Deutschland unter Merkel erheblich zugenommen. In den ersten zehn Jahren seit 2005 widersetzte sich Merkel sogar der Einführung eines Mindestlohns, obwohl gleichzeitig der Dumpingwettbewerb aus Niedriglohnländern, vor allem aus China, mit dem entsprechenden Lohndruck angekurbelt wurde und billige Arbeitskräfte aus Osteuropa unbegrenzt ins Land strömten und immer mehr Arbeitsplätze wegrationalisiert wurden. Schröders unsoziale Hartz-IV-Gesetze hat Merkel nicht korrigiert. Der Aufbau eines wuchernden Niedriglohnsektors schritt Jahr für Jahr voran. Mit 21 % an trotz Arbeit Armen hat Deutschland den höchsten Anteil in W-Europa (Abb. 21390). Die Zahl der besonders unsicheren und unterbezahlten Leiharbeitsverhältnisse mehr als verdoppelte sich. Die Lohnentwicklung koppelte sich mit Stagnation über viele Jahre nach unten von der Entwicklung der Produktivität ab.

Andererseits sammelte sich am oberen Ende der sozialen Skala unter Merkel immer mehr Reichtum an. So entfallen heute auf die untere Hälfte der Haushalte nur noch 1,4 % des deutschen Nettovermögens, auf die oberen 10 % aber 67 % (Abb. 21240). Die soziale Frage wurde nach vielen Umfragen für die meisten Menschen das größte Problem.

Im Bereich der Staatsfinanzen hat Merkel der ersten gesamtschuldnerisch aufgenommenen Anleihe der EU-Kommission zugestimmt, aus der Deutschland auch für andere zahlungsunfähige Euro-Länder haftet. So verständigten sich im Juli 2020 die Regierungschefs der EU-Staaten auf einen 750 Milliarden Euro umfassenden EU-Aufbauplan zur Bewältigung der Wirtschaftskrise, der sich aus einer gemeinsamen Schuldenaufnahme durch die EU-Kommission (im Sinne von Eurobonds) in Höhe von 390 Milliarden und einer Kreditvergabe an EU-Staaten in Höhe von 360 Milliarden Euro zusammensetzt. Das ist ein absoluter Dammbruch, der zu hohen deutschen Finanztransfers an andere EU-Staaten führen kann und damit unverantwortlich gegenüber dem deutschen Steuerzahler ist.

Die größte Hypothek, die Merkel hinterlassen hat, kommt aus ihrer Immigrationspolitik und den Willkommenssignalen, die sie Wange an Wange mit Flüchtlingen per Selfies in alle Welt geschickt hat. Noch immer lebt etwa die Hälfte der Migranten aus Asylherkunftsländern von deutschen Sozialleistungen, bei den heißgepriesenen Syrern sogar 60 %. Dabei waren die meisten Wirtschaftsmigranten und erhielten kein Asyl, können aber auch nicht abgeschoben werden.

Auch blieb der deutsche Beitrag zum Umweltschutz trotz seiner großmäuligen Darstellung unter Merkel bescheiden und erreichte die regierungsamtlichen Ziele nicht. Merkels plötzlicher und verfrühter Abschied von der Kernenergie hat Deutschland noch mehr Abhängigkeit von Putins Gas und die höchsten Strompreise in W-Europa beschert. Merkel war es auch, die in der EU die Kfz-Abgasvorschriften verwässerte.

Aber nichts von dem scheint Merkel zu bedrücken, so daß sie sich fröhlich aus ihrem (gut bezahlten) Ruhestand melden kann.


Blog zur Aktualisierung von Texten/Grafiken in meinem Buch 03-09-20: 17. Neue Anreize für illegale Migration?



Nur 37 % der Asylbewerber haben in den Jahren 2015-2020 Asyl nach dem Grundgesetz oder dem Asylgesetz erhalten (Abb. 21274). Die restlichen 63 % sind meist illegal in Deutschland geblieben, weil Abschiebungen kaum stattfinden oder die Abschiebung im Fall der "Duldung" ausgesetzt wird. Gründe für eine befristete Duldung können Krankheit, Schwangerschaft oder einfach fehlende Papiere sein. Letzteres kommt häufig vor, weil Migranten sehr oft ihre Papiere auf Rat der Schleuser vernichten. Zuletzt lebten mehr als 100.000 Menschen fünf Jahre oder länger mit einer Duldung in der Bundesrepublik. Von allen Migranten aus Asylherkunftsländern lebt nach meist vielen Jahren in Deutschland immer noch die Hälfte von öffentlichen Leistungen, wobei der Anteil auf dieser Höhe stagniert; bei Syrern sind es sogar 60 % (Abb. 20860).

Innenministerin Nancy Faeser hat jetzt einen Gesetzentwurf vorgelegt, nach dem illegale, aber gut integrierte Asylbewerber ein Bleiberecht erhalten sollen. Die Betroffenen sollen einmalig auf Probe eine einjährige Aufenthaltserlaubnis bekommen. Wenn sie in dieser Zeit nachweisen, daß sie etwa die deutsche Sprache beherrschen und ihren Lebensunterhalt sichern können, bekommen sie ein langfristiges Bleiberecht. Straftäter sollen von dieser Möglichkeit ausgeschlossen bleiben, genauso wie Männer und Frauen, die falsche Angaben über ihre Identität gemacht und so bisher ihre Abschiebung verhindert haben. Menschen, die einmal ein langfristiges Bleiberecht erhalten haben, hätten auch Anspruch auf langfristige Sozialleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.

Die CDU/CSU lehnt den Vorschlag ab, weil sonst ein zusätzlicher Anreiz, illegal einzureisen, geschaffen würde. Das schlimmste ist, daß die Bundesregierung wieder einmal einen Alleingang bei der Migration ohne Abstimmung mit den EU-Partnern plant.


Blog zur Aktualisierung von Texten/Grafiken in meinem Buch 09-06-22: 16. Vergeßt die alten Leute nicht



Wer heute Mitte der Achtziger ist, war in den starken Aufbaujahren bis 1970 (Abb. 19490) schon in seinen aktiven Berufsjahren, als das deutsche Wirtschaftswunder mit sehr viel Arbeitseinsatz bei mageren Löhnen durchgezogen wurde. Das sind meist Menschen, denen die Gesellschaft wegen ihrer Lebensleistung besonders dankbar sein sollte. Doch heute laufen diese Menschen Gefahr, mit ihren besonderen Sorgen wegen der Inflation von den Regierenden vergessen zu werden. So wurden Rentner/innen auf Druck der FDP von der fälschlich "Energiegeld" genannte einmaligen Unterstützung von 300 Euro einfach ausgeschlossen. Auch von dem zum Inflationsausgleich eingeführten höheren Arbeitnehmerpauschbetrag haben sie nichts.

Dabei belasten nach Berechnung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung die Preisschübe bei Energie und Nahrungsmitteln die Haushalte mit geringeren Einkommen - und das sind sehr oft Haushalte mit geringem Renteneinkommen - besonders stark (Abb. 23433). Die Spanne der aktuellen haushaltsspezifischen Inflationsraten beträgt 1,8 Prozentpunkte. Sie reicht von 6,2 % für einkommensstarke Alleinlebende bis 8 % für einkommensschwache vierköpfige Familien. Noch ausgeprägter ist der Unterschied zwischen der kombinierten Belastung durch die Preise von Nahrungsmitteln, Haushaltsenergie und Kraftstoffen mit 2,7 Prozentpunkten, wobei einkommensschwache Familien einen Inflationsbeitrag dieser Güterarten von 5,8 Prozentpunkten verzeichnen, verglichen mit 3,1 Prozentpunkten im Falle von einkommensstarken Alleinlebenden. Die Zusatzbelastung durch die Preisschübe bei Energie und Nahrungsmitteln betrug in den ersten vier Monaten des Jahres 2022 398 Euro für eine vierköpfige Familie mit geringem Einkommen und 124 Euro für einkommensarme Alleinlebende.


Blog zur Aktualisierung von Texten/Grafiken in meinem Buch 07-06-22: 15. Inflation: Scholz hat sich die Finger verbrannt





Als Finanzminister der Großen Koalition verlor Scholz jahrelang kein böses Wort über die Politik der EZB, mit negativen Zinsen die deutschen Sparer abzustrafen und gleichzeitig die Schuldner in Ländern wie Italien zu stützen. Er tat es schon deshalb nicht, weil ihm die negativen Zinsen erlaubten, an der Verschuldung des Bundes über negativ verzinste Bundesanleihen auch noch zu verdienen. Natürlich tat er es auch nicht, weil bei einer Eurokrise als Folge der italienischen Schulden, Deutschland mit Steuerzahlergeld hätte antreten müssen, wie einst bei Griechenland, was in Deutschland sehr unpopulär gewesen wäre. Merkel und Scholz ließen so Weidmann, den deutschen Vertreter im Vorstand der EZB, mit seiner Kritik an der Pro-Inflations-Politik der EZB im Regen stehen, bis der frustriert zurücktrat. Sie riskierten stattdessen sehenden Auges die heranrollende Inflation.

Scholz ließ 2020 auch noch Mario Draghi, dem langjährigen "negativen Zinsmeister" der EZB, das Bundesverdienstkreuz verleihen. Draghi hatte schon 2015 den Zentralbankzins in den real negativen Bereich gedrückt, wo er nun über sieben Jahre schon auf minus 7,9 % gefallen ist und weiter fallen wird (Abb. 19675); mit dem Strafzins für Einlagen der Banken bei der EZB sind es sogar minus 8,4 %.

Nun aber brennen Scholz die Finger, denn die Inflation ist außer Rand und Band geraten, weil alle Marktteilnehmer längst vermuten, daß die EZB die Inflation weiter hochlaufen läßt, und dann schon mal ihre Preise anheben, wenn sie Produzenten oder Händler sind, oder höhere Löhne verlangen, wenn sie Gewerkschaften sind und einen Inflationsausgleich erreichen wollen. Mit einer Steigerung der Verbraucherpreise für Nahrungsmittel im Mai um 11,1 % gegenüber dem Vorjahresmonat (Abb. 21230) wird die Inflation sozial total unverträglich und fällt Scholz und seiner SPD schwer auf die Füße. Sie liegt auch weit höher als die 7,5 % für den Euroraum insgesamt.

Nun muß Scholz, damit die SPD nicht weiter bei Landtagswahlen baden geht, nach staatlichen Hilfen zum Ausgleich der Inflation suchen, was am Ende teurer werden wird, als hätte er (mit Merkel) seinerzeit Weidmann unterstützt und hinter den Kulissen versucht, den einseitigen Einfluß der inflationssüchtigen, weil hochverschuldeten Mittelmeerländer auf die EZB auszubremsen. Scholz scheint nun zu glauben, mit einer Wiederbelebung der "Konzertierten Aktion" aus den 60er Jahren die Gewerkschaften von hohen Lohnforderungen abhalten zu können. Doch das wird nicht funktionieren und seiner SPD noch zusätzlich schaden.

Es wird höchst Zeit, gegenüber die EZB die Notbremse zu ziehen. Mit Respekt vor einer Unabhängigkeit der Zentralbank, die aus Rom und Paris schon seit Jahre nicht mehr respektiert wird, kann sich Scholz nicht länger herausreden. Während die US Zentralbank Fed den Zins inzwischen auf 1 % angehoben (Abb. 23432) und weitere Anhebungen angekündigt hat, sitzt die EZB immer noch auf ihren Händen und kauft immer noch Staatsanleihen auf, um deren Zins und damit das allgemeine Zinsniveau zu drücken (Abb. 16572). So soll sie jetzt nach Pressemeldungen ein weiteres Aufkaufprogramm für Staatsanleihen von Italien und anderen Schwachländern vorbereiten, damit die von Zinserhöhungen nicht betroffen werden.


Blog zur Aktualisierung von Texten/Grafiken in meinem Buch 05-06-22: 14. Die Deutschen: Kleinster Anteil an Haushalten mit zwei und mehr Kindern und dann noch zunehmendes Sparen am Essen



Die Deutschen haben den kleinsten Anteil an Haushalten mit zwei und mehr Kindern in W-Europa (Abb. 23431) - das ist schlimm genug. Doch nun sparen sie wegen der Inflation auch noch zunehmend am Essen. Der Einzelhandel mit Lebensmitteln verzeichnete im April 2022 im Vergleich zum Vormonat einen realen Umsatzrückgang von 7,7 % (Abb. 23430). Dabei handelte es sich um den größten Umsatzeinbruch gegenüber dem Vormonat seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1994. Auch gegenüber dem Vorjahresmonat April 2021 sank der Umsatz um 6,5 %. Bei einem Anstieg der Lebensmittelpreise im Mai um 11,1 % gegenüber dem Vorjahresmonat ist das kein Wunder. Die Inflation hat begonnen, die gesamte deutsche Wirtschaftsentwicklung auszubremsen.


Blog zur Aktualisierung von Texten/Grafiken in meinem Buch 02-06-22: 13. Drei Viertel der Beschäftigten verdienen brutto weniger als 3.500 Euro, mehr als die Hälfte unter 2.500 Euro


Nach Statistischem Bundesamt verdienten 2018 drei Viertel der Beschäftigten brutto weniger als 3.500 Euro, mehr als die Hälfte noch unter 2.500 Euro (Abb. 23428). Auf der anderen Seite stieg die Zahl der Einkommensmillionäre 2018 um 6 % gegenüber 2017 auf 26.300. Im Durchschnitt erzielten sie Jahreseinkünfte von 2,6 Millionen Euro. Damit wird die Einkommensverteilung immer extremer.


Blog zur Aktualisierung von Texten/Grafiken in meinem Buch 02-06-22: 12. China - Deutschlands "furchtbarer" Partner




Deutschland ist von Peking noch abhängiger als von Moskau. Nach den Folter-Enthüllungen muß sich die Politik fragen (so DER SPIEGEL): Welche Verbrechen nehmen wir für unseren Wohlstand in Kauf? Der Handel zwischen beiden Ländern hat sich zwischen 2000 und 2020 fast vervierfacht (Abb. 23426) und hat China im vergangen Jahr erneut zu Deutschlands wichtigstem Handelspartner gemacht. Dabei stiegen die deutschen Direktinvestitionen in China seit 2010 auf das Dreifache (Abb. 23428). Vor allem für die meisten deutsche Automobilunternehmen ist China zum wichtigsten Markt geworden. Die Abhängigkeit zeigt sich aber vor allem auf der Einfuhrseite, wo der chinesische Einfuhranteil in einigen Bereichen sehr hoch ist, z.B. Telekommunikationsgeräte 50 % (Abb. 21222).


Blog zur Aktualisierung von Texten/Grafiken in meinem Buch 02-06-22: 11. Preissteigerung für Nahrungsmittel in Deutschland besonders hoch


Mit 8,9 % gegenüber Vorjahr ist die Inflation bei Nahrungsmitteln in der EU besonders stark gestiegen. Für W-Europa verzeichnet Deutschland mit 8,5 % nach Griechenland, Portugal und Spanien den stärksten Anstieg. Die neueste Messung für Monat Mai zeigt für Deutschland sogar einen Anstieg von 11,1 %. Die Inflation trifft Deutschland nicht nur wegen der besonders hohen Inflationsrate und des vergleichsweisen hohen Anteils an betroffenen Sparern ganz besonders, sondern auch weil sie hier mit anderen erheblichen sozialen Nachteilen zusammentrifft. So haben Deutsche, von den Schweizern abgesehen, den kleinsten Anteil an Wohneigentum, das am besten gegen die Inflation schützt, und durch die Niedrigstzinsen der EZB preislich immer wertvoller geworden ist. Nicht zuletzt trifft die Inflation hier auf einen hohen Anteil armer Rentner, die unter der Inflation besonders leiden, denn das deutsche Brutto-Rentenniveau im Verhältnis zum letzten Arbeitseinkommen ist vor Irland das niedrigste in der Eurozone.

Verglichen mit anderen Notenbanken fällt die Reaktion der EZB auf die hohe Inflation bisher eher zögerlich aus. Jetzt werden die Unsicherheiten des Ukraine-Kriegs zum Vorwand genommen, um die Zinsanhebung weiter hinauszuschieben, obwohl gerade der Ukrainekrieg die Inflation hochtreibt. So sagt EZB-Direktor Fabio Panetta, die Notenbank sehe sich derzeit mit einer beispiellosen Abfolge ökonomischer Schocks konfrontiert. Wie andere große Zentralbanken stünde sie vor der Aufgabe, die Geldpolitik zu einem alles andere als normalen Zeitpunkt zu normalisieren. Tatsächlich hat die EZB den günstigen Zeitpunkt zur Zinsanhebung längst verpaßt, weil sie sich mehr um die Mittelmeerländer kümmerte als um die Situation in den solideren Ländern, wie Deutschland, und die dortigen Sparer.

Die Bundesregierung sorgt sich jetzt zurecht wegen der drohenden Lohn-Preis-Spirale, die die Inflation weiter hochtreiben würde. Die IG Metall fordert bereits 8,2 % mehr Lohn. Auch dieses Risiko ihrer abwartenden Politik hat die EZB übersehen.


Eine aktuelle Sammlung der mehr als 170 Grafiken aus meinem Buch in größerem Format und farbig finden Sie hier: hier.

Blog zur Aktualisierung von Texten/Grafiken in meinem Buch 03-09-20: 10. Gehört Rußland (noch) zu Europa?



In meiner Nachbarschaft findet heute ein Vortrag zu dem Thema "Gehört Rußland (noch) zu Europa?" statt. Da der Vortragende von 1995 bis 2002 deutscher Botschafter in Moskau war, wird er sich wahrscheinlich große Mühe geben, die Frage zu bejahen. Nun könnte man durchaus sagen: "geografisch zu 20, politisch derzeit zu 0 %". Oder man könnte auf einen Bericht der BBC verweisen, der zeigt, wie russische Panzertruppen auf einem ihrer Panzer ganz ungeniert gestohlenes ukrainisches Eigentum abtransportieren. Ein in Großbritannien lebender ukrainischer Flüchtling hat sein Hab und Gut erkannt. Sie finden den Bericht hier. Kultur geht anders! Und das sind die Photos von der BBC:


Blog zur Aktualisierung von Texten/Grafiken in meinem Buch 03-09-20: Starke Sorgen wegen Ukrainekrieg und Inflation






Die Inflation ist im Mai um 7,9 % gegenüber dem Vorjahreswert gestiegen, bei Nahrungsmitteln sogar um 11,1 % (Abb. 21230). Sie erreichte damit im dritten Monat in Folge einen neuen Höchststand im vereinigten Deutschland. Krieg und Inflation, die beiden in meinem Buch beschriebenen Apokalypsen, sind nach einer neuen Umfrage für eine Mehrheit der Deutschen extrem belastend und erzeugen große Sorgen (Abb. 23424). Seit dem 4. Quartal 2021 übersteigt die Inflation auch die Entwicklung der Löhne (Abb. 23427). Im ersten Quartal 2021 sanken die Real-Löhne schon um 1,8 % gegenüber dem Vorjahr.

Die Hersteller von Lebensmitteln und Getränken haben ihre Preise in Deutschland einer neuen Studie zufolge seit Anfang 2021 bereits um durchschnittlich 16,6 % angehoben. Am stärksten waren die Aufschläge bei Produkten des täglichen Bedarfs, darunter Öle und Fette (53 %), Mehl (28 %) und Nudeln (19 %). Im Handel sind die Preise bis Ende 2021 schon um 15.9 % gestiegen und für dieses Jahr werden weitere 10 % erwartet, was zusammen schon mehr als ein Viertel an Steigerung ausmacht.

Die Belastung durch steigende Lebensmittelpreise trifft dabei besonders Haushalte von weniger als 4.500 Euro Monatseinkommen mit einer starken Betroffenheit, die von 53 % bis 76 % mit auf 1.300 Euro fallendem Einkommen ansteigt. Der private Konsum, der für die Wirtschaftsentwicklung so wichtig ist, befindet sich schon im zweiten auf einander folgenden Quartal im Abstieg (Abb. 23425) und wird bei anhaltender Inflation weiter einbrechen und immer mehr in die Stagflation führen.